Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Metzel-Maschinerie

16.07.2022. Die FAZ fragt, ob der Kunstbetrieb wirklich antisemitisch ist oder nur opportunistisch. Ebenfalls in der FAZ flucht die libanesische Schriftstellerin Alawiya Sobh über die Misogynie in den arabischen Ländern. Die NZZ würde auch gern mal Kunst von Frauen wiederentdeckt sehen, die nicht laut und herrisch auftraten. Die Nachtkritik verzichtet bei den Wormser Nibelungen-Festspielen nur zu gern auf einen weiteren Bitch-Fight. Der Filmdienst spürt der melancholisch zögerlichen Lust am Dasein nach, die ihr die Filme von Claude Sautet bescherten.

Eine Art Einhorn aus fernen Wäldern

15.07.2022. Die tägliche Dosis Documenta: Claudia Roth reagiert "befremdet" auf Sabine Schormanns Statement und hält sie für nicht mehr tragbar, meldet der Tagesspiegel. Die SZ sieht in einem geleakten Video, wie die Guides geschult wurden, um Antisemitismusvorwürfe beiseitezuräumen. Und die Welt fragt: Wieso schweigt der Kunstbetrieb? Die Filmkritiker erkennen in Zhang Yimous Komödie "Eine Sekunde" trotz Zensur die Schatten der Kulturrevolution. Und die taz hört das "Abgefuckte der Welt" aus jeder Pore dringen im neuen Album von Shed.

Eine ganze Giraffe

14.07.2022. Meron Mendel wirft Sabine Schormann im Tagesspiegel vor, Lügen zu verbreiten, die SZ ärgert sich über die "Wagenburgmentalität" in Kassel und fordert: Schließt die documenta endlich! Außerdem fragt sie: Wo ist Schormann eigentlich? Während in München das Festival Cinema Iran beginnt, wo Abed Abest mit "Killing the Eunuch Khan" die Mullahs das Fürchten lehrt, wie Artechock schreibt, verhaftet der Iran drei seiner prominentesten Filmemacher. In der Zeit ruft Navid Kermani die Bundesregierung zum Protest auf. Welt und Tagesspiegel gewinnen in Avignon den Glauben ans Theater zurück.

Schade, dass du weg bist

13.07.2022. Der Guardian entdeckt die Abstraktion in Milton Averys poetischen Landschaften. In der FAZ verabschiedet sich der Schriftsteller Wolfgang Hedewald vom deutschen PEN und dessen friedenspolitischer Ideologie. Die FR plädiert für regional unterschiedliche Bauweisen und gegen global optimierte Klimatechnik. FAZ und Welt erliegen dem Belcanto, den Tobias Kratzer mit Rossini in Aix-en-Provence aufblühen lässt.  Die taz wiegt sich zu den ultramelancholischen Chansons von Brezel Göring.

Zerfallen wie eine Hochzeitstorte

12.07.2022. Die Diskussion um die Documenta schaukelt sich weiter hoch. Der Tagesspiegel nimmt die Mitglieder der Findungskommission ins Visier. Die Berliner Zeitung würde dagegen die Kunstschau gern aus der Kampfzone identitätspolitischer Ideologien retten. Nicht die Pandemie hält die Zuschauer von den Bühnen fern, glaubt die SZ, sondern ein Theater, das niemand sehen will. Die SZ bewundert auch die Schönheit der Vicky Krieps. Die taz erliegt auf dem Montreux-Festival dem Dancefloor-Sound der Londoner Saxofonistin Nubya Garcia.

Alte Freunde des Intendanten

11.07.2022. Die SZ sieht im neuen Trend zum Leitungskollektiv nicht mehr als eine anarchische Geste, die feudale Machtstrukturen eher kaschiert als korrigiert. Die FR entdeckt im Maastrichter Bonnefantenmuseum mit Melati Suryodarmo fantastische Kunst aus Indonesien. In der Welt betont Monika Maron: Ich bin Gegner, kein Opfer. In der FAZ wünschte sich der Musikjournalist Rolf Witteler auch für die deutschen Radios eine Quote für frankophone Musik.

Ich bin ein bisschen sauer

09.07.2022. Meron Mendel hat die Nase voll von Sabine Schormanns Hinhaltetaktik und wirft hin, wie er im Spiegel erklärt. Den Machern wirft er in der SZ außerdem "neokoloniales" Verhalten gegenüber Ruangrupa vor. Die FAZ gönnt sich lieber Glückssekunden mit Sascha Wiederhold in der Neuen Nationalgalerie. Die SZ blickt in die Zukunft der Mode mit den genderlosen Menschenskulpturen von Balenciaga. Die nachtkritik zieht eine nüchterne Pollesch-Bilanz an der Volksbühne: Castorf war rauflustiger, seufzt sie. Und alle trauern um Klaus Lemke und James Caan.

Ja, es ist ein Tatort

08.07.2022. Die FAZ fordert, dem "würdelosen Verantwortungsverschiebekarussell" auf der documenta ein Ende zu setzen: mit dem Rücktritt Sabine Schormanns. In der NZZ erklärt Rainer Moritz, weshalb er Uwe Tellkamp trotzdem nach Hamburg einlädt. Die SZ ist hingerissen, wenn Romeo Castellucci in Aix-en-Provence Gustav Mahlers "Auferstehungssymphonie" als Kriegsszenario mit zwitschernden Vögeln inszeniert, die Welt ist genervt. Und die Filmkritiker trauern um Klaus Lemke, den verspielten Rebellen, der die Sprache der Straße sprach.

Wie ein Korsett auf die Eingeweide drückt

07.07.2022. Gestern tagte der Ausschuss für Kultur und Medien über die documenta, Schormann und Geselle fehlten, dafür brachen Ruangrupa ihr Schweigen: "Es gibt keinen stillen Boykott gegen Israel." "Unser Thema ist Klasse, nicht Rasse", sagen indes Taring Padi im Zeit-Gespräch. Gehört Israel überhaupt zum "globalen Norden", fragt der Politikwissenschaftler Johannes Becke in der FAZ. Die Filmkritiker entdecken dank Marie Kreutzer unter dem Monarchenkitsch von "Sisi" eine kompromisslos-autonome Frau. Noch ein Kollektiv: Auf Yvonne Büdenhölzer als Leiterin des Berliner Theatertreffens folgen vier Frauen, melden die Zeitungen.

Energien, die aufeinandertreffen

06.07.2022. In der Berliner Zeitung weist der Historiker Michael Rothberg darauf hin, dass Taring Padis Agitprop-Bild "People's Justice" nicht nur antisemitisch ist, sondern auch rassistisch. In der taz macht der Schriftsteller Leander Steinkopf ein paar Vorschläge für den Deutschunterricht. Die SZ wünscht sich den Wagemut und Aufbruchsgeist von München 1972 in die Architektur zurück. In der taz konstatiert Schauspielerin Julischka Eichel ein erschüttertes Grundvertrauen im Theater. Jochen Distelmeyer macht jetzt Erwachsenenpop, stellt der Standard fest.