Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Energien, die aufeinandertreffen

06.07.2022. In der Berliner Zeitung weist der Historiker Michael Rothberg darauf hin, dass Taring Padis Agitprop-Bild "People's Justice" nicht nur antisemitisch ist, sondern auch rassistisch. In der taz macht der Schriftsteller Leander Steinkopf ein paar Vorschläge für den Deutschunterricht. Die SZ wünscht sich den Wagemut und Aufbruchsgeist von München 1972 in die Architektur zurück. In der taz konstatiert Schauspielerin Julischka Eichel ein erschüttertes Grundvertrauen im Theater. Jochen Distelmeyer macht jetzt Erwachsenenpop, stellt der Standard fest.

In einen finsteren Kanal hinein

05.07.2022. Der Standard kann auf der Gmunden Photo nachverfolgen, wie die russische Aggression seit 2014 das zivile Leben der Ukraine zerstört. Die taz meldet, dass Kirill Serebrennikows Gogol-Center jetzt  wieder Gogol-Theater heißt und auf Linie gebracht wurde. Die SZ rechnet vor, was eine Mindestgage für Solobeschäftigte für die Theater bedeutet. Die NZZ besucht das neue Oscar-Museum in Los Angeles. Außerdem huldigt die taz den Ikonen der Tropicália, Gilberto Gil und Gal Costa.

Ein Mann geht durch den Raum

04.07.2022. Peter Brook ist tot. FAZ, NZZ und Tagesspiegel trauern um den großen Theatermagier, den König des Welttheaters und das Genie der Einfachheit. Die SZ kniet nieder vor René Pollesch und Sophie Rois, allerdings im Deutschen Tehater, nicht in der Volksbühne. In der NZZ erklärt David Chipperfield, wie er reiche Leute dazu bringen will, die Anwesenheit von Armen zu ertragen. Die NZZ erkennt zudem das Erbe El Grecos bei Pablo Picasso. Im Standard erzählt Vicky Krieps, wie ihr das Korsett bei den Dreharbeiten zu Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" die Gefühle abschnürte.

Der Reiz von Oberflächen

02.07.2022. Der Weg zum Massaker von Butscha führt nicht über die russische Literatur, sondern über Publikationsverbote von Dostojewski und Bulgakow, ruft in der FAZ Michail Schischkin all jenen zu, die keine russische Literatur mehr sehen wollen. Die taz bewundert die Stoffbilder von Nadira Husain. 54books bewundert Tom Cruises Fokus auf versimilitude. Pitchfork erliegt den ekstatischen Qualitäten des Elektronik-Duos Two Shell.

Eigentlich alles in Butter

01.07.2022. Am Mittwoch hatte Kassel zur Diskussion über Antisemitismus in der Kunst geladen - "Schlimmer könnte es kaum laufen", resümiert die SZ, die ihr halbes Feuilleton heute der Aufarbeitung des Skandals widmet. "Wer den 'globalen Süden' bestellt, muss ihn auch als das akzeptieren, als was er sich tagtäglich, jahraus, jahrein beweist, unter anderem als antisemitisch", schreibt Bazon Brock an Sabine Schormann. Ebenfalls in der SZ erzählt Jacques Herzog, weshalb es leichter ist, Großprojekte in undemokratischen Ländern durchzubekommen. Die Berliner Zeitung wünscht dem deutschen Film mehr Wagemut.

Das mit dem Truthahn

30.06.2022. Im Spiegel wütet Eva Menasse gegen den "diskursiven Reinigungsfuror eines publizistischen Bataillons aus Anti-Antisemiten", das sich einbilde, dieses Land antisemitenfrei zu kriegen. Das Taring-Padi-Werk hätte als Denkmal für die Unzulänglichkeiten des Postkolonialismus stehen bleiben sollen, meint Deniz Yücel in der Welt. Die Filmkritiker amüsieren sich mit Jöns Jönssons Komödie "Axiom", die so schön an den Stellschrauben der Klassengesellschaft dreht. Die Zeit stimmt zum Abgesang auf die Wagner-Dynastie in Bayreuth an. In der NZZ macht der türkische Schriftsteller Ismail Güzelsoy das wahre Problem der Türkei aus.

Perfektion der Eigenwilligkeit

29.06.2022. Eiskalt exekutierte Charakterpartien erlebt die schaudernde FAZ in Krzysztof Pendereckis Historienoper "Die Teufel von Loudon" in München. Die SZ erkundet mit Sven John die mentalen Landschaften in Saßnitz, dem Zentrum der deutsch-russischen Petropolitik. Die Welt fordert von Claudia Roth, die Documenta zu übernehmen oder dicht zu machen. Die Schriftstellerin Mirna Funk will in der NZZ kein Opfer sein. Und die FR taucht unter.

Sprich über die Hoffnung

28.06.2022. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan. "Naheliegend, aber perfekt" findet der Tagesspiegel die Entscheidung. Die Berliner Zeitung lernt von Zhadan, an die Zukunft zu gauben. "Slawa Ukraini!", ruft die NZZ. Die SZ bewundert Luigi Dallapiccolas Sinns fürs Kantable, der seine Oper "Ulisse" schöner mache, als es Zwölftonmusik eigentlich erlaubt. Die FAZ freut sich, dass Kärnten sich nicht mehr für Günther Domenigs Steinhaus schämt. Crescendo sieht in Salzburg einen Zug gegen die Wand rasen.

Schön schwebende Sätze

27.06.2022. Die Literaturkritik resümiert den Bachmann-Wettbewerb: Für die Berliner Zeitung hat slowenische Autorin Ana Marwan mit ihrem Text "Wechselkröte" zu Recht gewonnen, die FAZ fragt sich jedoch, woher die gute Stimmung rührte: Wurde der Wettbewerb infiltriert? Die FAZ blickt außerdem mit Susan Meiselas ins traurige Herz der Triebökonomie. Die SZ begibt sich beim Münchner Festival "Radikal Jung" auf die "Bad Roads" des Donbass. Die taz stellt den in Dresden lebenden Musiker Ezé Wendtoin, der westafrikanische Sounds mit Hannes Wader kreuzt.

Kleine Diktaturen

25.06.2022. Im Spiegel bedauern Taring Padi, dass man sich in Deutschland nicht mehr über Grenzen hinwegsetzen darf. Es sind "nicht einzelne Ausrutscher, die hier wehtun. Es ist die Systematik", fasst die taz das Documenta-Drama zusammen. Die Deutschen wittern überall Antisemitismus, schimpft Barrie Kosky im großen, noch vor dem Documenta-Eklat geführten Abschieds-Interview in der SZ. Der Standard lernt in Wien von dem Maori-Künstler George Nuku, wie man aus Plastik Fische und Götter schnitzt. "Dieselben Politiker, die mit dem Finger auf Europa und Amerika zeigen, haben dort selbst gut gefüllte Bankkonten," sagt Tsitsi Dangarembga im SZ-Gespräch über die Korruption in Simbabwe.