Efeu - Die Kulturrundschau

Die Paradoxie klopft an

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21.05.2022. Bilder ohne Trost sehen die Filmkritiker im letzten Werk des in Mariupol erschossenen Dokumentarfilmers Mantas Kvedaravičius: Für den Tagesspiegel ist es ein Dokument menschlicher Widerstandskraft, für die FAZ ein Wunder, einfach weil es ihn gibt. Die Berliner Zeitung wirft den Kritikern der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa Rassismus vor. Die FAZ fragt, warum Ruangrupa auf der Documenta kein Wort über die rassistische Behandlung der indigenen Völker im eigenen Land verliert. In der taz spricht Schriftstellerin Katja Petrowskaja über ihr Verhältnis zur russischen Sprache. In der NZZ denkt die angolanisch-portugiesische Autorin Djaimilia Pereira de Almeida über ihre Privilegien nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2022 finden Sie hier

Film

Bild aus "Mariupolis 2" von Mantas Kvedaravicius


Das Entsetzen war groß, als die Nachricht um die Welt ging, dass der litauische Dokumentarfilmer Mantas Kvedaravičius in Mariupol, wo er einen Film über den russischen Krieg gegen die Ukraine drehte, erschossen worden war. Seine Verlobte Hanna Bliobrova hat das bis dahin gewonnene Filmmaterial gemeinsam mit der Cutterin Dounia Sichow nun zu einem Film zusammengestellt, der in Cannes der Presse präsentiert wurde.

"Es ist ein ganz anderer Film über den Krieg, als wir es aus den Fernsehnachrichten gewohnt sind", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Der Film beobachtet einen vom Krieg bereits schwer gezeichneten Vorort der Stadt und dessen Bewohner, während die eigentlichen Gefechte ein paar Kilometer weiter stattfinden. "Hätte er seinen Film fertigstellen können, Kvedaravičius hätte wahrscheinlich einen Großteil dieses Materials ausgesondert und andere Aufnahmen eingefügt, die er noch drehen wollte." Doch "'Mariupolis 2' bezieht seine Wirkung aus seinem rohen Zustand. Nichtbearbeitung ist hier der Ausweis von Echtheit. Nicht der Schnittmeister stellt die Wirkung her, sondern das Vergehen jener Zeit, die wir diesen Bildern ohne Trost ausgesetzt sind." Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel lobt den Fragment-Charakter des Films: "ein eindrucksvolles, erschütterndes Dokument der menschlichen Widerstandskraft unter unvorstellbaren Bedingungen". Als Film lässt sich "Mariupolis 2" kaum bezeichnen, meint Andreas Kilb in der FAZ, "eher müsste man von einer Flaschenpost reden, einem filmischen Kassiber, der die Welt aus der untergegangenen Stadt an der Schwarzmeerküste erreicht. Daher ist es auch sinnlos, die Bilder von Kvedaravičius nach filmkritischen Maßstäben beurteilen zu wollen. Der Film ist gelungen, weil es ihn gibt."

Mit regem Interesse sah  FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "Armageddon Time", den neuen, in Cannes gezeigten Film von James Gray: "Mit der humanistischen Ironie eines Mark Twain führt Gray in die Anfänge der Reagan-Ära. Der Amerikanische Traum ist noch lebendig, aber sichtlich befallen vom Mottenfraß von Rassismus und Klassismus. Durch die Löcher leuchtet in aller Unheimlichkeit die Gegenwart, erzählt mit der vergleichenden Weisheit des Dabeigewesenen. Einzigartige Darstellerleistungen machen Grays Film zu einem Schaustück des klassischen amerikanischen Kinos - Anthony Hopkins als geliebter Großvater und Anne Hathaway als in der Schulpflegschaft engagierte Mutter krönen die Besetzungsliste."

Mehr von der Croisette:Andreas Kilb beerdigt in der FAZ "Eo", den neuen Film von Jerzy Skolimowski, ein Remake von Robert Bressons Eselfilm-Klassiker "Zum Beispiel Balthasar" - ganz anders schätzt Artechock-Kritikerin Dunja Bialas den Film ein. Andreas Scheiner spricht in der NZZ mit Kirill Serebrennikow, der in Cannes seinen Film "Tschaikowskys Frau" präsentiert. Mit Felix Van Groeningens und Charlotte Vandermeerschs Naturfilm "Le otto montagne" über eine Freundschaft im Lauf der Jahrzehnte gibt es einen ersten Höhepunkt im Wettbewerb, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz. Das Festival hat einen Wettbewerb für TikTok-Videos ausgerufen, wobei es erhebliche Querelen gab, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Außerdem berichtet das Artechock-Team fortlaufend von vor Ort.

Abseits von Cannes: Andreas Hartmann erkundigt sich für die taz bei kleinen Kiezkinos nach ihrer Situation, nachdem die Coronahilfen weggefallen sind. Besprochen werden Lutz Pehnerts Porträtfilm "Bettina" über die Liedermacherin Bettina Wegner (Tsp) und die Disney-Serie "Beth und das Leben" mit Amy Schumer (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Shirley Jaffe, All Together, 1995. Bild: Centre Pompidou


In der FAZ empfiehlt Ulf Erdmann Ziegler wärmstens einen Besuch im Centre Pompidou, das die "die letzte amerikanische Nachkriegskünstlerin in Paris", Shirley Jaffe, kanonisiert, wie er schreibt. Bis zu ihrem Tod 2016 harrte sie in ihrer kleinen Pariser Wohnung aus, unverkaufte Bilder in einer Kammer stapelnd: "Die Ausstellung zeichnet dieses Künstlerleben in Formen nach. Erst die frühen Bilder, changierende Felder leibhaftig applizierter Farben. Hier als Buschfeuer, dort als Inseln im Eis. Klar, es sollte 'Abstrakter Expressionismus' sein, der Stil der Zeit, die Währung der Stunde, aber tatsächlich war sie eklektisch unterwegs zwischen Claude Monet und Willem de Kooning, in einem buchstäblichen Sinne suchend. Dann vereinfachte sie die Farben, gab ihnen Gestalt. Zwischen 1970 und 1972 stapelte sie rein monochrome Felder zu geradezu unverschämt anmutenden vertikalen Bildern, ein minimalistischer Exzess. Die Paradoxie klopft an. Einige Jahre später zeigt sich ein Weiß, auf dem die Formen zu schwimmen scheinen. Je leichter das Gerüst, desto ernster das Unterfangen."

Ach, die Documenta. In der Berliner Zeitung holt Hanno Hauenstein den ganz großen Knüppel hervor und bescheinigt allen, die BDS-nahe Positionen kritisieren, Rassisten zu sein. Darum sind auch Ruangrupa nicht schuld an ihrer Absage der versprochenen Diskussionsveranstaltungen. Hätte man dort doch diskutieren können, inwiefern die von EU-Staaten, den USA, Kanada und Britannien anerkannte Antisemitismus-Definition des IHRA "sich in der Praxis in Teilen zu einem politischen Instrument entwickelt hat, das im deutschen Kontext auffällig oft gegen Vertreter:innen nicht-weißer oder linker Gruppen in Anschlag gebracht wurde. Und das somit auch eine urdeutsche Sehnsucht zu befriedigen scheint, die von Jonas Dörge bis in den journalistischen Mainstream reicht: Eine Sehnsucht, xenophoben Impulsen Luft zu machen, indem man eine auswendig gelernt wirkende Deutungshoheit über Antisemitismus gegen Minderheiten oder israelischer Politik kritisch gegenüberstehender Gruppen ausspielt. Ob letztere palästinensisch, indonesisch oder jüdisch sind, scheint dabei kaum mehr eine Rolle zu spielen."

Das stimmt nicht ganz. Marco Stahlhut interessiert sich sehr dafür, dass Ruangrupa aus Indonesien kommt. Warum, fragt er in der FAZ, streitet die Künstlergruppe über Antisemitismus, was in Indonesien niemanden interessiert, statt über die Behandlung der indigenen Völker im eigenen Land. "Trotz aller Verstiegenheit im Vokabular über Israel und die Palästinenser haben Ruangrupa bisher kein einziges kritisches Wort über Papua verloren". Dabei hätten die Papuas wirklich mit Rassismus zu kämpfen: "überall in Indonesien, selbst auf der eigenen Heimatinsel. In den Schulen werden sie von Lehrern als Primitive abgetan, die es nie zu etwas bringen würden. In den Universitäten, auf die sowieso nur die allerwenigsten gelangen, werden sie ausgegrenzt. Indonesier halten sich in Sammeltaxis und Bussen demonstrativ die Nase zu, wenn sie Papuas begegnen - als würden diese bestialisch stinken. Erst im März warnten UN-Vertreter in eindringlichen Worten vor 'schockierenden' Verstößen gegen die Menschenrechte in Papua, einschließlich Tötung von Kindern, Folter, verschwundener Menschen und Massenvertreibungen. ... Kein Wort zu alldem von Ruangrupa, kein kritisches Wort generell zum beschämenden Umgang mit dunkelhäutigen Menschen in Indonesien, und dies trotz aller von der Gruppe zur Schau getragenen Sensibilität für Rassismus."

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich verabschiedet in seinem jüngsten Buch "Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie" die Idee der autonomen Kunst und die autonomen Künstler gleich mit, die "mit aggressiv-selbstherrlichen Parolen gegen ihren Statusverlust protestieren". Perlentaucher-Autor Peter Truschner ist nicht einverstanden und sieht in seinem "Fotolot" die Probleme der Kunstwelt ganz woanders - im sozialen Elend vieler Künstler in einem zugleich großzügigst subventionierten Betrieb: "Man kann sich vorstellen, zu welch egoistischen und aggressiv-selbstherrlichen Exzessen derart 'privilegierte' Einkommensverhältnisse verführen! Zum Vergleich: Die Direktorin des Kunsthistorischen Museums Wien, Sabine Haag, verdiente 311.900 Euro, der Direktor der Wiener Albertina, Karl Albrecht Schröder, 310.700 Euro. Verhältnisse, die 1:1 auf Deutschland übertragbar sind und Ullrichs Bild autonomer Kunstschaffender im Jahr 2022 als an den Haaren herbeigezogene Absurdität erscheinen lassen."

Außerdem: Im Berliner Haus der Kulturen der Welt suchen Mitglieder der Anthropocene Working Group den "Golden Spike", den Ort, an dem sich der Übergang ins Anthropozän (eine Idee, die viele Geologen offenbar ablehnen) stratigraphisch ablesen lässt, berichtet Petra Ahne in der FAZ.
Archiv: Kunst

Literatur

Im taz-Gespräch mit der ukrainisch-stämmigen Schriftstellerin Katja Petrowskaja geht es unter anderem um das Verhältnis zur russischen Sprache, die auch ihre Muttersprache ist: "Ukrainisch bekommt nun zu Recht mehr Raum. Ich lese viel mehr auf Ukrainisch als sonst, nicht nur Nachrichten. Ich habe dadurch das Gefühl, mehr bei meinen Freunden und Landsleuten in der Ukraine zu sein. Aber wenn wir Russisch jetzt nur als Sprache des Imperiums betrachten, begehen wir einen bedauerlichen Fehler. Es ist auch die Sprache der Angegriffenen, die Sprache der Emigranten, die Sprache von Wassili Grossman und Warlam Schalamow. Diese Unterscheidung zu bewahren, ist mir wichtig. Denn ich bin nicht bereit, meine Muttersprache an Putin abzugeben."

In einem sehr lesenswerten NZZ-Essay denkt die in Angola geborene, in Portugal aufgewachsene Schriftstellerin Djaimilia Pereira de Almeida über ihre Privilegien nach, über Rassismus und darüber, ob sie eine schwarze Autorin ist oder eine Autorin, die schwarz ist: "Nur in dieser Zeit kann mein Lebensentwurf, kann das Leben, das mich gewählt hat, mein Leben sein. Nur in dieser Zeit kann ich mich ausdrücken. Wäre ich meine Großmutter, meine Urgroßmutter, ich würde meine quälenden Gedanken in unruhigen Träumen ersticken. Wäre ich meine Ururgroßmutter, eine 'preta' mit hartem Kraushaar, mein Schicksal wäre die Peitsche gewesen. Heute eine schwarze Schriftstellerin, eine Frau in dieser Zeit zu sein, heißt für mich, gegen diese Tatsache anzuschreiben, sie auf dem Rücken zu schleppen, ohne mich davon lähmen zu lassen. Es heißt, auf jeder Seite die kosmische, willkürliche Freude darüber anzunehmen und mir zu verdienen, als diejenige geboren worden zu sein, die ich erst jetzt bin. Die Verantwortung, die aus dieser Freude herrührt, wird auf dem Papier ausgetragen."

Die Nachtkritik unterhält sich mit dem Dramatiker Konstantin Küspert, der an der Seite von Deniz Yücel im Präsidium des deutschen PEN-Zentrums war und nun ebenfalls zurückgetreten ist. "Mit Lügen, Intrigen und Meinungsmanipulation" habe sich in Gotha die Fraktion durchgesetzt, die Leute wie Yücel und ihn loswerden wollten, sagt er. Gescheitert seien sie "daran, dass einige Mitglieder den Verein ganz anders wahrnehmen als wir. Wir haben die Arbeit für verfolgte Schriftsteller:innen als zentral wahrgenommen, sowohl in der konkreten Arbeit als auch in der öffentlichen Außendarstellung. Anderen Leuten waren anscheinend Dichterlesungen und literarische Plätzchen wichtiger. Und an der Tatsache, dass wir die schiere Bösartigkeit der Kritiker:innen unterschätzt haben - wir dachten, die Wahrheit würde sich durchsetzen, und haben entsprechend nicht taktisch agiert. Die anderen schon." Der Freitag spricht mit Josef Haslinger, der nach dem Debakel von Gotha als Interimspräsident eingesprungen ist. Ein Ungleichgewicht der Generationen, das es jüngeren Mitgliedern erschwert, sich im Verein Gehör zu verschaffen und nach außen Sichtbarkeit zu erlangen, konstatiert auch er. Doch "nicht das unübersehbare Selbstdarstellungsbedürfnis einiger Mitglieder ist das Hauptproblem, sondern das Schweigen derjenigen, die sich ausgeschlossen fühlen und den PEN als Erbpacht einer Altherrenriege wahrnehmen."

Weitere Artikel: Nils Minkmar staunt in der SZ über ein schmales, gerade mal 17 Seiten umfassendes Büchlein, das Annie Ernaux gerade in Frankreich veröffentlicht hat und in dem sie ihre Liebesbeziehung mit etwa 50 Jahren zu einem 30 Jahre jüngeren Studenten schildert und damit in den Kern aktueller Debatten trifft: "Komplizierte geopolitische, ideologische Konflikte werden auf einem übersichtlichen Terrain ausgetragen: dem Körper der Frau." Judith von Sternburg spricht in der FR mit Hauke Hückstädt über 30 Jahre Frankfurter Literaturhaus. Die FAZ dokumentiert die auf der Tagung "Comicexpansion" im Literarischen Colloquium Berlin gehaltene Rede der Comiczeichnerin Rutu Modan über die kognitiven Prozesse beim Comiclesen.

Besprochen werden unter anderem Clarice Lispectors "Ich und Jimmy" (taz), Tanguy Viels "Das Mädchen, das man ruft" (NZZ), Camille Laurens' "Es ist ein Mädchen" (FR), Lika Nüsslis Comic "Starkes Ding" (Tsp), Gary Shteyngarts "Landpartie" (SZ), Julian Volojs biografischer Comic über den Schachmeister Robert James Fischer (Tsp) und Eckhart Nickels "Spitzweg" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Architektur

Matthias Alexander besucht für die FAZ die Ausstellung "Schön hier. Architektur auf dem Land" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. So wichtig er sie findet, zweierlei fällt ihm auf: Einfamilienhäuser, immer noch der häufigste Gebäudetyp, kommen praktisch nicht vor. Und obwohl die Entwürfe aus verschiedenen Ländern kommen, herrscht ein kühler, glatter Stil vor, bei dem nur die ökologischen Materialien glänzen sollen. "Das ist im Prinzip und schon gar im Einzelfall lobenswert, nur verschwimmen die Unterschiede zwischen Franken, Steiermark und Schwarzwald: Wo lokale ländliche Bautraditionen über den Leisten der Moderne geschlagen werden, vereinigen sich die Architekten in einer Interregionalen des gerade vorherrschenden Geschmacks." Da geht einiges an Differenzierung verloren, meint er und empfiehlt den Katalog, der "Einordnungen in größere thematische Zusammenhänge" biete.
Archiv: Architektur

Bühne

"The Greek Passion" in Ostnabrück. Foto: 


Das Theater Osnabrück, das FAZ-Kritikerin Anja-Rosa Thöming schon häufiger wegen seines interessanten und mutigen Musiktheaters aufgefallen ist, hat sich an ein neues Werk gewagt: Bohuslav Martinůs Oper "The Greek Passion" nach dem Roman "Der wiedergekreuzigte Christus" von Nikos Kazantzakis. Es geht um ein Dorf, dass gerade die Passionsspiele vorbereitet, als eine Gruppe Flüchtlinge ankommen und alles - das denken jedenfalls der Priester und viele Einheimische - durcheinanderbringen. In Osnabrück zeigt sich das als ganz große Oper, lobt Thöming: Martinů hat den Roman "in ein - englischsprachiges - Opernlibretto umgearbeitet, mit einem reizvollen Geflecht aus Chören, gesprochenen Passagen, ariosen Eruptionen und rein orchestralen Zwischenspielen. ... Es ist eine große Szene, wenn von fern Psalmgesang ertönt, ein immer stärker werdendes Gegenlicht aufblendet und schließlich ein dunkles Holzboot, gefüllt mit hoffnungsvollen Schiffbrüchigen, von hinten in die Mitte der Bühne geradezu einbricht. Im Bug steht der geistliche Anführer Fotis, eine Wikingergestalt. Gegenüber den weiß gekleideten Dörflern wirkt er im schwarzen Wollumhang wie ein nordischer Urchrist."

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Helge Schmidts investigativem Rechercheabend "Die Krebsmafia" am Hamburger Lichthof Theater (nachtkritik) und die Uraufführung von Martin Grubers "Lüg mich an und spiel mit mir" mit dem aktionstheater am Landestheater Bregenz (Standard).
Archiv: Bühne

Musik

Trauer um Vangelis: Der Synthesizermusiker und Filmkomponist "konstruierte in seinem Maschinenpark Monumente und Landschaften", schwärmt Andrian Kreye in der SZ. "Seine Stücke waren Triumphbögen, weite Ebenen der Sehnsucht, tiefe Täler der Melancholie. So viel Pathos brachten nur wenige zustande" - außer natürlich Andrian Kreye in seinem Nachruf. Unter Vangelis' Klängen wurden Filme zu Wachs, schreibt Paul Ingendaay in der FAZ: "Selbst ein politisch wacher Film wie Constantin Costa-Gavras' packendes Verschwundenen-Drama 'Missing' (1982) mit Sissy Spacek und Jack Lemmon erhielt durch Vangelis' emotionalen Score eine Trauergrundierung, die den gesellschaftskritischen Befund ins Allgemeinste zurückbog: Frau verliert Mann, Vater verliert Sohn." Doch "die ganze Palette seiner Möglichkeiten zeigte er im Soundtrack zu Ridley Scotts 'Blade Runner' (1982), der zu seiner ganz persönlichen Wagner-Oper wurde. Vangelis' Sphärenklänge und selbst das Liebesmotiv enthalten immer noch einen Rest Befremden über die dunkle Zukunftswelt, das sich auch auf dem Gesicht des jungen Harrison Ford malt." Björn Hayer würdigt Vangelis auf ZeitOnline als ästhetischen Innovator. Jürg Zbinden (NZZ) und Christian Schröder (Tsp) führen durchs Werk.

Joachim Hentschel wirft sich in der SZ dem jungen Pop-Hexer Harry Styles zu Füßen, der ihn auch auf seinem neuen Album "Harry's House" wieder komplett in seinen Bann schlägt. Bei dieser Musik fühlen sich auch Leute über 25 "plötzlich in einen seltsamen Urzustand zurückversetzt. In eine Art Reboot-Modus der eigenen Kulturerfahrung. In eine Stimmung, die ganz fantastisch himbeerbrausig nach Teenagersein schmeckt, dabei aber nichts mit Erinnerung oder nostalgischem Echo zu tun hat. Ihm zuzuhören, diesem smarten Speedy Gonzales des Kopfhörerstöpsel-Pop, kann also zu einer Art von immersivem Rollenspiel werden, in dem man noch einmal die gesamte Verzückung, Erregung und Selbstvergessenheit des jugendlichen Existierens erleben kann, ohne dabei die Füße vom realen Boden zu nehmen." Auch Standard-Kritikerin Amira Ben Saoud tanzt gerne mit: "Gleich der Opener 'Music for a Sushi Restaurant' zollt mit seinen Bläsern, Synths und Basseinsatz Peter Gabriels 'Sledgehammer', eine Nummer, die Styles vergöttert, Respekt. 'Cinema' hat etwas Daft-Punkiges aus der 'Get Lucky'-Ära, auf 'Boyfriends' simon-und-garfunkelt Styles im Zwiegesang mit sich selbst."



Außerdem: Julian Weber ist für die taz zum Femua-Festival nach Abidjan an der Côte d'Ivoire gereist. Jonathan Fischer versenkt sich für die NZZ in die Geschichte des jamaikanischen Dub. In der taz plaudert Magne Furuholmen von A-ha unter anderem über sein neues Leben als Landwirt. Und eine Hör-Empfehlung aus dem BR-Nachtstudio: Jens Balzer denkt eine Stunde lang anregend über das komplexe Verhältnis der deutschen Sprache zur Popmusik nach.

Besprochen werden die Uraufführung von Tobias PM Schneids "Earth Symphony" durch die Augsburger Philharmoniker (NMZ), ein Auftritt von Dua Lipa (TA) sowie ein Haydn- und Strawinsky-Abend der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle (Tsp) und Shabaka Hutchings' Solodebüt "Afrikan Culture" (ZeitOnline).

Archiv: Musik
Stichwörter: Vangelis, Styles, Harry