Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2023. Der Guardian blickt in London in Leonardo da Vincis menschliche Gesichter, und die blicken recht grotesk zurück. In der Welt wettert Slavoj Zizek gegen Oscar-Abräumer "Everything Everywhere All at Once": Verlogenes Feelgood-Cinema, schimpft er. Im Freitag ärgert sich Margaret Atwood, dass ihr Klassiker "Der Report der Magd" von rechten Frömmlern aus den Schulbibliotheken von Virginia hinausgecancelt wurde. In der FAZ erzählt der Musiker Vasiliy Antipov, wie er die Gewalt in belarussischen Gefängnissen überstand.
16.03.2023. Im Bundestag musste sich Lars Kraume, der sich in seinem neuem Film mit dem deutschen Genozid an den Herero und Nama befasst, Rassismus-Vorwürfe anhören. Die SZ spürt Kirill Serebrennikovs Moskauer Isolation nach, wenn er in "Cosi fan tutte" einem Box-Dummy minutenlang seine Gummi-Fresse poliert. Die Welt hätte vom African Book Festival Berlin gern mehr als fadenscheinige Gründe für die Abberufung von Mohamedou Houbeini gehört. Ein wenig ratlos bleibt sie außerdem zurück, wenn die Kunst der Künstlichen Intelligenz mit brabbelnden weißen Mäusen begegnet. Das Van-Magazin erzählt, wie der Opernnachwuchs an Pay-to-Sing-Akademien ausgebeutet wird.
15.03.2023. NZZ und SZ begrüßen den Kurswechel des Kunsthaus Zürich, das jetzt aktiv die Provenienz seiner Sammlung überprüfen möchte. Die FR erlebt in Gordon Kampes Oper "Dogville", dass Gift auch recht dezent auf den Nächsten geträufelt werden kann. Die FAZ verfolgt mit Entsetzen den kulturellen Vandalismus, mit dem ORF und BBC ihre Orchester eindampfen. taz und Tagesspiegel sehen in Marco Bellocchios Serie über die Ermordung Aldo Moros den Beweis, dass historisches Fernsehen auch aufregend und unbieder sein kann.
14.03.2023. Die Feuilletons trauern um Nobelpreisträger Kenzaburō Ōe, der kritischen Geist mit nahezu fanatischer Bescheidenheit verband. Außerdem verarbeitet die Filmkritik noch die Oscarnacht, zu deren großen Gewinnern das Indie-Label A24 gehört. Der Guardian verfolgt voller Enthusiasmus, wie sich Amerikas indigene Künstler von den Ägyptern inspirieren ließen. Die FR erlebt in Darmstadt, wie sich Alban Bergs Lulu nicht von Männern stören lässt. Und der Bayerische Rundfunk stellt KlickKlack ein, die letzte Klassiksendung der ARD.
13.03.2023. Die Oscars regneten wie erwartet auf die Indie-Fantasy "Everything Everywhere All at Once" und Edward Bergers "Im Westen nichts Neues". Die Kritik ist gespalten: Die Welt sieht mit "Everything.." Kühnheit und Wagemut ausgezeichnet, die NZZ nur den höheren Blödsinn. Beim Festival Radar-Ost fällt die SZ mit dem Kiewer Left Bank Theatre aus der Welt und direkt an die Front. Die taz begibt sich mit der Künstlerin Fatos Irwen in die surreale Gewaltlandschaften Kurdistans. Die FAZ feiert die kunstfertige Kunstlosigkeit Ornette Colemans.
11.03.2023. Für Edward Bergers von den Amerikanern finanzierte Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues" dürfte es am Wochenende wenig Oscars regnen, vermutet die SZ. Wolodomir Selenskij darf keine Ansprache bei den Oscars halten: Ist er zu weiß, fragt Variety. In der taz weist Sergei Loznitsa alle Propaganda-Vorwürfe mit Platon von sich. Für die FAZ reist William Collins Donahue mit Elias Canetti im Gepäck durch Marrakesch. Monopol erkennt im MoMA: Das Video ist die dominante Kommunikationsform unserer Zeit. Und die SZ kürt Miley Cyrus "Flowers" schon jetzt zum Song des Jahres.
10.03.2023. Der Tagesspiegel erlebt in Dresden die tschechische Avantgarde des 20. Jahrhunderts wie im Rausch. Die taz beschwört mit Lu Yang in Basel Cyborgs und Götter in der Hölle. Die SZ verurteilt die "Aufpasser des Kulturbetriebs", die die Wahl des früheren Al-Qaida-Dschihadisten Mohamedou Slahi zum Kurator des African Book Festivals kritisieren. ZeitOnline dringt mit rohen Mantras von Lonnie Holley tief vor in die Geschichte des afroamerikanischen Leids. Und die SZ schüttelt den Kopf über den politischen Irrsinn hinter Mohammed bin Salmans "Mukaab".
09.03.2023. SZ und taz bewundern, wie Alice Diop in "Saint Omer" die Themen Frausein, Mutterschaft und Herkunft verhandelt. Die FR sieht im Hamburger Bahnhof zu, wie im Werk der algerisch-französischen Künstlerin Zineb Sedira der Traum von Emanzipation und Selbstverwirklichung zerplatzt. Die FAZ erlebt Joachim Meyerhoff in der Rolle seines Lebens, wenn Thomas Ostermeier ihn in Tschechows "Möwe" in die brandenburgische Provinz schickt. Der Tagesspiegel fragt beim Berliner HAU-Festival mit Nadezhda Bey, was eigentlich mit den Daten Verstorbener geschieht.
08.03.2023. David Chipperfield bekommt den Pritzker-Preis: Guardian und SZ sehen darin auch ein Zeichen gegen Überkonsum und Überdesign. Die NZZ verfolgt in der jüngeren japanischen Literatur den Kampf um das eigene Selbst. Der Standard erlebt in Bregenz, wie Valie Export die Stalinorgeln Antikriegslieder pfeifen lässt. Die SZ fragt, was jetzt mit dem Werk von Marco Goecke geschehen soll. In der Welt überlegt Ari Folman, warum auch ein schlechter Holocaust-Film wichtig sein kann.
07.03.2023. Die Zeit verortet Steven Spielbergs Film "Die Fabelmans" in der amerikanischen Mytho-Poetik zwischen John Ford und David Lynch ein. Die FR warnt heiter vor der kulturellen Aneignung, die Salman Rushdie in seinem neuen Roman "Victory City" durchexerziert. FAZ und Standard erliegen der humanistisch-pazifistischen Prokofjew-Inszenierung von "Krieg und Frieden" in München. Die NZZ begrüßt, dass die Sammlung Bührle jetzt auch auf Fluchtgut hin untersucht wird. Der SZ graut vor der Büroarchitektur aus den Neunzigern, die mit der Erweiterung des Kanzleramts in der Berliner Mitte droht.