Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2023. Schauspielkunst der Extraklasse erleben Nachtkritik und NZZ mit Wiebke Mollenhauer in der Zürcher Inszenierung von Sarah Kanes "Gier". In Bochum lassen sich SZ und FAZ von der singenden und tanzenden Sandra Hüller betören. Die FAS bewundert mit der Serie "Luden" Anmut und Kaputtheit der Hamburger Nutella-Bande. In der SZ betont Comic-Historiker Alexander Braun, dass sich Disney schon immer seine Geschichte geschönt hat. In der FAZ erzählt Rafał Blechacz, wie die Pandemie seine Chopin-Aufnahmen verdunkelte.
04.03.2023. Die taz lässt sich vom südafrikanischen Musikstil Amapiano hypnotisieren. Die FAZ betrachtet fassungslos 4,5 Millionen Euro teure Apartmentwohnungen auf dem 23.000 Quadratmeter großen Tacheles-Areal in Berlin Mitte, das der Senat 1998 für schlappe 2,8 Millionen Mark verramscht hatte. Da wendet sie sich doch lieber den farbenprächtigen Kimonos in einer fantastischen Pariser Ausstellung zu. Der Standard amüsiert sich im KHM Wien mit Georg Baselitz in einem malerischen FKK-Paradies.
03.03.2023. Monopol betrachtet auf den Fotografien Hashem Shakeris das pasolineske Leben in den Satellitenstädten Teherans. Picasso ist fünfzig Jahre tot und das kommt dabei heraus, wenn Regierungschefs sich für einen Künstler interessieren: In Spanien wird er zum werbewirksamen Markenzeichen, in Frankreich zur Verkörperung der Gründungsprinzipien Europas. Mehr als fünfzig Schauen gibts immerhin auch. Die SZ erinnert sich an die existenzielle Erfahrung mit Pink Floyds "Dark Side of the Moon" im Kinderzimmer. Die Musikkritiker trauern um den Jazzsaxofonisten Wayne Shorter, die Kunstkritiker um Peter Weibel.
02.03.2023. Die Stimme hat immer Vorrang in Karol Szymanowskis Oper "König Roger", erkennt die nmz in Kiel. Die Berliner Zeitung sieht wieder Licht: In einer spektakulären Ausstellung mit Werken von Monet, Turner, Delauney, Munch, Miro und Max Ernst, die im Potsdamer Museum Barberini die Sonne feiern. Die FAZ nähert sich dem Fetischismus Johann Heinrich Füsslis mit Kunstgeschichte. Rettet Kontroverse das Kino? Dann ist Todd Fields "Tár" mit Cate Blanchett als Meister-Dirigentin der Film der Stunde, findet die FR. Im Van Magazin erzählt der ukrainische Dirigent Serhiy Lykhomanenko, wie Bach ihm an der Front hilft, sein Gehirn zu aktivieren.
01.03.2023. Die Welt beobachtet, dass sich amerikanische Linke wieder trauen, für J.K. Rowling Partei zu ergreifen. Die SZ sieht in Todd Fields Film "Tár" Hinweise darauf, dass die Welt doch keine moralischen Sortiermaschinen braucht. Der Disney-Konzern bereinigt allerdings noch die Werkausgaben von Carl Barks und Don Rosa um inkriminierende Stellen. Die taz weiß zu schätzen, dass Laibach in Moskau auf mehr Widerstand stößt als in Kiew.
28.02.2023. Der Tagesspiegel wüsste gern, wie im Berlinale-Wettbewerb wieder das Kino von morgen laufen könnte. Artechock sorgt sich um den deutschen Film. Die taz porträtiert die ukrainische Modedesignerin Kristina Bobkova. In der NZZ beklagt der ukrainische Kunstkurator Konstantin Akinsha Ignoranz und Duckmäusertum westlicher Museen. ZeitOnline entdeckt mit Algier den Soundtrack zu den Krisen der Gegenwart.
27.02.2023. Sehr unzufrieden bilanzieren die Filmkritiker den Wettbewerb der Berlinale: "Zusammengewürfelt", nennt ihn der Standard, "glanzlos und enttäuschend", der Tagesspiegel. Den Goldenen Bären für Nicolas Philiberts Dokumentation "Sur L'Adamant" werten sie als Beleg, dass unter den Spielfilmen einfach keiner herausragte. Außerdem: Nachtkritik und FAZ erinnern sich leicht beschämt mit Rainald Goetz' "Johann Holtrop" am Kölner Schauspiel an die Jahre der New Economy. Die FR feiert die Wiederentdeckung von Georges Bizets Oper "Ivan IV." am Meininger Staatstheater. Hyperallergic sucht den Unsinn in den Bildern Trevor Winkfields.
25.02.2023. Die Berlinale ist vorbei. Nach der FAZ gestern kann sich nur der Tagesspiegel zu einem Resümee aufraffen: Große filmische Erfahrungen hat er nicht machen können. Immerhin: im "symbolisch-politischen Bereich" war man "auf Höhe einer äußerst schwierigen Weltlage", lobt die taz. Zwei sehr lesenswerte Theatertexte heute: Die FAS besucht in München die Proben zu einem Theaterstück über den Genozid an den Jesiden. In der nachtkritik erzählt Regisseurin Anastasiia Kosodii von ihrer Theaterarbeit in der Ukraine. Die SZ fragt sich, wie Pink zur Farbe der Saison werden konnte. Monopol bewundert den Postkolonialismus der 15. Biennale im Emirat Schardscha, hätte aber auch gern etwas über die Arbeitsbedingungen von Migranten in den Emiraten gelernt.
24.02.2023. Morgen abend endet die Berlinale. Die FAZ ist nicht glücklich: sie sah nur ein Kunterbunt des Mittelmäßigen. Die taz unterhält sich mit der ukrainischen Regisseurin Alisa Kovalenko über ihre Filmdoku "My ne zgasnemo" und über ihren Fronteinsatz. Die SZ freut sich über die Wiederauferstehung von Rainald Goetz in Berlin, der neuerdings Verhaltenslehren der Wärme predigt. Der Tagesspiegel geht "Chez Icke", wo man die schönsten Kneipenfotos bewundern kann.
23.02.2023. Ein Sommernachtstraum! Die Filmkritiker feiern auf der Berlinale Christian Petzolds Wettbewerbsfilm "Roter Himmel". Der Tagesspiegel lobt die cézannehafte Unschärfe von Hong Sang-Soos Film "In Water". Die FR betrachtet im Städel Museum ein sehr stilles Italien. Monopol fröstelt bei der Vorstellung, in der saudischen Stadt "The Line" zu leben. In der nachtkritik packen Apiyo Amolo und Thomas Schmidt bedauernd ihre Toolbox für das Zürcher Schauspielhaus ein. Die neue musikzeitung warnt: Wenn der ORF sich aus der Finanzierung des RSO Wiens zurückzieht, verzichtet er auf sein musikalisches Lebenselexier.