Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Schub im weißen Feuilleton

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2018. Die SZ lässt sich in Mailand die Kälte der faschistischen Moderne ins Gesicht wehen.  Wolfgang Ullrich bemerkt in seinem Blog, dass die Auktionshäuser keinen Unterschied mehr machen zwischen zeitgenössischer Kunst und Alten Meistern. In der FAZ sieht der jüdische Rapper Dimitri Chpakow kein Problem in den antisemitischen Posen des Gangsterraps. Tagesspiegel und NZZ hängen mit Herbert Fritsch fröhlich in den Seilen. In der Welt huldigt Daniel Barenboim der Dynamik Claude Debussys.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2018 finden Sie hier

Kunst




Filippo Tommaso Marinetti in seinem Haus. Bild: Fondazione Prada, Milano, 2018

Von erfrischender Kälte findet SZ-Kritiker Thomas Steinfeld die Schau "Post Zang Tumb Tuuum", die in der Fondazione Prada in Mailand die italienische Kunst von 1918 bis 1943 zeigt, also faschistische Kunst. Die hatte sich allerdings im Gegensatz zur nationalsozialistischen Kunst nie von der Moderne abgekoppelt: "Deutlich wird dabei zum Beispiel, dass die ästhetische Avantgarde, wie sie in Italien mit dem Futurismus entsteht, etwas ganz anderes ist als der etwa zur selben Zeit aufkommende Expressionismus in Deutschland. In dieser Avantgarde machen sich Künstler geltend, die sich zu den Siegern des Ersten Weltkriegs zählen, so verstümmelt ('mutilato') sich dieser Triumph auch immer darstellen mag. Als Gewinner meinen die Futuristen mit ihren Motorrädern und Aeroplanen in eine glorreiche technische Zukunft aufzubrechen. Entsprechend eng fällt die Verbindung dieser ästhetischen Avantgarde mit dem Faschismus aus."

Nicht der Auktionspreis von 450 Millionen Dollar war das erstaunlichste an der Versteigerung des Leonardo da Vinci zugeschriebenen Gemäldes "Salvator mundi", sondern dass dies Gemälde bei einer Auktion zeitgenössischer und nicht altmeisterlicher Kunst versteigert wurde, sagt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in einem Vortrag, den er auf seinem Blog veröffentlicht: "Dass Christie's im November 2017 erstmals ein Werk alter Kunst als zeitgenössisch auktioniert hat, markiert insofern eine Zäsur, als damit die spezifisch westliche Logik, wonach Kunstwerke immer und vor allem anderen Teil einer Kunstgeschichte sind, für überholt erklärt wurde."

Weiteres: Im Welt-Interview mit Marcus Woeller annonciert die neue Direktorin des Martin-Gropius-Baus, Stephanie Rosenthal, mehr Tanz und Performance in das Ausstellungshaus zu holen. "Also habe ich als Erstes die schwarzen Folien von allen Fenstern entfernt, damit dieses Licht auch wieder hereinfällt." In der taz unterhält sich Sarah Alberti mit dem Künstler Bastian Muhr, der im Leipziger Museum der bildenden Künste den Fußboden bemalte.

Besprochen wird die Schau dokumentarischer Fotografie "Image Profile" im Frankfurter MMK2 (FR).
Archiv: Kunst

Bühne


Leinenzwang: Hebert Fritschs "Null" an der Schaubühne Berlin. Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritschs neues Stück "Null" hatte an der Berliner Schaubühne Premiere. Im Tagesspiegel reibt sich Christine Wahl vor Freude die Hände: "Misslingen ist gar kein Ausdruck für das, was hier am laufenden Band virtuos vorgeführt wird." In der NZZ geht es Daniele Muscionico ähnlich, auch wenn sie den Abend gemessen an Fritschs Coups "Murmel, Murmel" oder "Pfusch" für zu leicht befindet: "Zu leicht zwar, leicht, und doch: Es scheint, als ob an der Schaubühne eine Ahnung von Resignation und Skeptizismus dem scheinbar unerschütterlich-magischen Fritsch-Fluidum zugrunde liegt. Und dieser neue Ton macht die Nuller-Leichtigkeit auch zu einer sorgenvollen. Er führt zu einem verwünscht-klugen, nicht mehr hochnotkomischen, sondern teilweise hochnottraurigen Abend." In der Berliner Zeitung schwärmt Doris Meierheinrich von "wunderbaren Luftnummern".

Mit dem Geschmack von Asche verlässt Nachtkritiker Sascha Westphal Johanna Wehners Bühnenadaption von Lars von Triers Weltuntergangsvision "Melancholia" am Bochumer Schauspielhaus: "Mehr noch als in von Triers Film, in dem die Welt letztlich an der Depression einer Frau zerschellt, erweist sich in Wehners Inszenierung die Hochzeitsgesellschaft, diese Versammlung von Lemuren, als Mikrokosmos einer Gesellschaft, in der die Apokalypse zum Dauerzustand geworden ist."

Weiteres: In der FAZ berichtet Simon Strauß ein wenig bestürzt über den Selbstmord des Stockholmer Theater-Intendanten Benny Fredriksson, dem im Zuge von #MeToo ein diktatorisches Gebaren vorgeworfen wurde. Dorion Weickmann blickt in der SZ auf die glanzvolle Ära des Stuttgarter Ballett-Intendanten Reid Anderson zurück, dem fünf Choreografen zum Abschied das Stück "Die Fantastischen Fünf" widmeten.

Besprochen werden Jo Fabians bildgewaltiges Figurentheater "Terra In Cognita" am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik), Enis Macis Stück "Mitwisser" am Wiener Schauspielhaus (Nachtkritik, Standard) Sebastian Baumgartens Inszenierung von Albert Camus' "Caligula" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Michael Sturmingers Eröffnung der Salzburger Osterfestspiele mit Puccinis "Tosca" (SZ, Standard) und Wagners "Parsifal" von Dieter Dorn und Simon Rattle in Baden-Baden (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Für Kummer und Ärger sorgte vor wenigen Wochen die Entscheidung der Erbin Hans Wollschlägers, die bei Suhrkamp jahrelang vorbereitete, noch zu Lebzeiten mit Wollschläger vereinbarte Überarbeitung seiner "Ulysses"-Übersetzung unter Verweis aufs Urheberrecht zu blockieren. James-Joyce-Experte Hans Walter Gabler bittet die Erbin in der NZZ nun inständig darum, Einsicht zu zeigen: "Sie brächte die 'Ulysses'-Übersetzung von 1975 in den Verdacht, sie sei dem Original gegenüber ungenügend. Umgekehrt aber vermag es gerade die Revision, die Qualitäten von Wollschlägers deutschem 'Ulysses'-Text nur umso differenzierter zu profilieren. Denn sie ist nicht gegen Hans Wollschläger konzipiert, sondern stellt sich in Fortsetzung seiner Übersetzungsleistung der letztlich immer neuen Aufgabe, Joyce' Werk auf Deutsch gerecht zu werden."

Weitere Artikel: In der NZZ beklagt Paul Jandl den Niedergang der Polemik: Selbst auf Maxim Billers jüngste Kollegenbeschimpfungen in der Zeit fühlte sich keiner der dergestalt Angesprochenen zur Reaktion bemüßigt. Schriftsteller Martin Prinz schreibt im Standard einen Reisebericht von seiner Fahrt durch Österreich. Christian Schröder (Tagesspiegel) und Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) schreiben Nachrufe auf den Autor Philip Kerr.

Besprochen werden Silvia Bovenschens "Lug und Trug und Rat und Streben" und Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf" (ZeitOnline), Ta-Nehisi Coates' Essayband "We Were Eight Years in Power" (FR), Michael Walters Neuübersetzung von Laurence Sternes "Eine empfindsame Reise" (Zeit), Lucy Frickes "Töchter" (Zeit), J. M. Coetzees "Die Schulzeit Jesu" (taz), Judith Kellers "Die Fragwürdigen" (SZ) und eine Ausstellung in Marseille zur Geschichte der Fotoromane, die sich insbesondere in Italien, Frankreich und Spanien großer Beliebtheit erfreuten und als Sprungbrett für manchen Filmstar dienten (SZ) sowie handgestaltete Renaissance-Bücher der Sammlung Peter Ugelheimer im Dommuseum Frankfurt (FR, FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Michal Sobołs "Über die Zeitumstellung":

"Gut möglich, sagte er und ließ ab von den griechischen
Buchstaben, als er sah, daß Mutter in der Küche
..."
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

Neben einem Bannfluch über Netflix-Produktionen und einem Selfie-Verbot auf dem Roten Teppich hat Cannes-Festivalleiter Thierry Frémaux auch angekündigt, dass es Pressevorführungen künftig nicht mehr vorab, sondern nur noch parallel zur Galavorführung, mitunter sogar erst am Tag danach geben werde - was Christiane Peitz im Tagesspiegel ziemlich ärgert, schließlich habe mancher Pressevertreter auch Zutritt zur Gala und somit einen Vorteil. Dies provoziere "einen Geschwindigkeitswettbewerb, der online ausgetragen wird. Tempo statt Qualität: Es kommt auf jede Minute an, auf Kosten der Auseinandersetzung mit den Werken. Printmedien sind ohnehin abgeschlagen, nach den abendlichen Screenings können sie Kritiken erst am übernächsten Tag drucken." Oder eben online stellen, sobald die Texte in die Druckerpresse gegangen sind.

Als erste Lieferung aus dem Projekt "Filmkritik lesen" befasst sich Jan Hendrik Müller im Blog Jugend ohne Film mit dem ersten Jahrgang 1957 der deutschen Zeitschrift Filmkritik: Es ging dem Magazin seinerzeit "um eine Negation des Autoritätsdenkens und eine Emanzipation des Zusehers zum Kritiker", stellt er fest. "Mit dem Streitmittel der Sprache sollte die Betrachtung von Film als Kunstform im Stande sein Bilder zu schärfen und Strukturen zu enthüllen."

Weitere Artikel: Jonas Engelmann schreibt in der Jungle World über die Filme des tschechischen Regisseurs Zbyněk Brynych, dessen 1967 entstandener "Als Hitler den Krieg überlebte" jetzt auf DVD erschienen ist: Robert Newald bringt in seinem Standard-Fotoblog Bilder aus der Wiener Ausstellung zur Restaurierung des Stummfilms "Stadt ohne Juden" (mehr dazu hier). Im Tagesanzeiger schreibt Benedikt Eppenberger einen Nachruf auf den Schweizer Filmproduzenten Erwin C. Dietrich, der in den 70ern die Bahnhofskinos mit Mileureißern und Softsex-Filmen belieferte. Johannes Binotte hat aus diesem Anlass sein ursprünglich 2006 in der NZZ veröffentlichtes Porträt wieder online gestellt. Die Perlentaucher-Filmkritiker schätzen besonders Dietrichs 1967 entstandenen Kolportage-Film "St. Pauli zwischen Nacht und Morgen", in dem viel getanzt wird:



Besprochen werden Dominik Hartls Slasherfilm "Die letzte Party deines Lebens" (Standard), Martin Farkas' Dokumentarfilm "Über Leben in Demmin" (taz) und Craig Gillespies Biopic "I, Tonya" (Freitag).
Archiv: Film

Architektur

Dankwart Guratzsch schreibt in der Welt zum Tod des DDR Architekten Manfred Prasser, der unter anderem den Friedrichstadtpalast entwarf, aber auch am Palast der Republik und am Gendarmenmarkt beteiligt war, wie Lothar Heinke im Tagesspiegel ergänzt.

Besprochen wird die Ausstellung "Habitat" zur Zooarchitektur im Bärenzwinger im Köllnischen Park in Berlin (taz).
Archiv: Architektur
Stichwörter: Prasser, Manfred

Musik

Ulrich Amling schreibt im Tagesspiegel zum 100. Todestag von Claude Debussy, dessen erstmals auf Deutsch erschienene Briefe Stefan Schickhaus (FR) und Volker Hagedorn (ZeitOnline) besprechen. In der Welt lässt sich Elmar Krekeler von Daniel Barenboim Debussy erklären: "Der größte Unterschied zwischen Debussy und der mitteleuropäischen Musik, der deutschen, polnischen, tschechischen, ist die Geschwindigkeit der Dynamikwechsel. Die größte Schwierigkeit bei Brahms, Beethoven, Bruckner, Wagner ist ja die allmähliche Steigerung der Dynamik. ... Bei Debussy wechselt die Dynamik binnen nicht einmal einer Sekunde: Manchmal muss sie auf einem Ton sehr schnell anschwellen, abschwellen. Das beeinflusst auch die Art, wie ein Orchester spielt. Die Geschwindigkeit mit der die Geiger den Bogen benutzen, beeinflusst massiv den Orchesterklang. Das bringt Luft in die Musik."

Leonie Feuerbach porträtiert in der FAZ den Rapper Dimitri Chpakow, der vor kurzem seine jüdische Herkunft offengelegt hat. Ein Antisemitismusproblem im hiesigen Gangsterrap sieht er, im Gegensatz zu vielen Kritikern, allerdings nicht: Man müsse "'unterscheiden, was Slang ist und was real', sagt Chpakov. ...'Meine Fans verstehen zum Beispiel, dass ich ein Familienvater bin und nicht wirklich Molotowcocktails in Polizeistationen werfe.' Die meisten Liedtexte seien Pose und hätten mit der Realität nichts zu tun - ob es um Drogen, Gewalt, Beleidigungen von Frauen, Schwulen oder Juden gehe. Rap lebe vom Tabubruch. Reime über reiche Juden oder jüdische Zinssätze griffen Klischees auf und hielten der Gesellschaft den Spiegel vor."

Für die Jungle World spricht Steffen Greiner mit Terre Thaemlitz über queere Ästhetiken und kulturelle Praktiken und deren Kontext im gegenwärtigen Musikbetrieb zwischen Club und Kunst: "Man muss das liberale Begehren innerhalb des weißen Mainstreams, die Wiedereroberung durch schwule oder Trans-Menschen of colour zu 'unterstützen' oder 'mitzuverfolgen', kritisch als Scheinheiligkeit benennen - weil es sich immer darum dreht, dem Mainstream 'authentische Andersartigkeit' zuzuspielen."

Weitere Artikel: Adelheid Wölfl porträtiert im Standard die bosnische Band Dubioza Kollektiv. Jan Feddersen trauert auf der Website des Eurovision Song Contest um Lys Assia, die 1956 die erste Ausgabe des Musikwettbewerbs gewann. Unter anderem der Tagesspiegel meldet den Tod des Komponisten José Antonio Abreu. Für die SZ besucht Boris Herrmann die brasilianische Sängerin Anitta, die in ihrer Heimat mit dem Song "Vai Malandra" gerade Riesenerfolge feiert - und mit dem lasziven Video dazu für erhitzte Debatten sorgt. Besprochen wird Jenny Wilsons neues Album "Exorcism" (Tagesspiegel).
Archiv: Musik