Efeu - Die Kulturrundschau

Mit der Avantgarde auf Du und Du

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28.06.2019. Im Monopol-Magazin wirft Philipp Oswalt der Stiftung zum Aufbau der Potsdamer Garnisonkirche Geschichtsklitterung vor. Die Theaterkritiker raufen sich die Haare: Das Opernpublikum verlangt nach Pomp und Tradition statt Innovation, beobachtet die SZ, das Festival Theaterformen schickt sein Publikum mit Gestrüpp in den Händen durch Hannover zum Sitzkreis in eine Hinterhof-Moschee, seufzt ebenfalls die SZ, immerhin dem Broadway geht's prächtig, weiß die Nachtkritik. Und der Freitag entdeckt die Netflix-Alternative für Sozialisten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2019 finden Sie hier

Bühne

Die Schamesröte noch im Gesicht resümiert Till Briegleb in der SZ das Festival Theaterformen in Hannover, das - nach Innovation suchend - ganz auf Publikumsinteraktion setzte:  Die Zuschauer "mussten auf einem Geschichtsspaziergang Töpfchen mit Baumschulengestrüpp durch Hannover-Linden tragen (ein Stadtteil mit eigentlich ausgesprochen interessanter Industrie-, NS- und Stadtplanungsgeschichte, dem Geburtshaus von Hannah Arendt und einer Benno-Ohnesorg-Brücke), um dann in einer Hinterhof-Moschee einen Sitzkreis zu bilden. Gefangen in dieser Peinlichkeitsfalle wurden die Mitgegangenen dann von einigen Bürgern der Stadt genötigt, deren private Erinnerungen an heruntergerutschte Dessous oder den vernebelten Piz Terri von Zetteln zu lesen, sofort unterbrochen mit dem Zwischenruf 'lauter!' von den Textreichern, die den Inhalt ohnehin kannten. Und dann sollten alle in der Straßenbahn 'Weißt du, wie viel Sternlein stehen' singen."

Auch Intendanten großer Opernhäuser stecken in einem Dilemma, konstatiert Reinhard J. Brembeck in der SZ: Das gut betuchte, konservative Opernpublikum verlangt nach "Glamour", der finanzielle Druck steigt, Erneuerung und gesellschaftliche Relevanz bleiben auf der Strecke. Und: "Mittlerweile wird immer unübersehbarer, dass das in den Opern von Wolfgang Mozart bis Giacomo Puccini formulierte Welt- und Menschenbild immer weniger mit dem, das sich derzeit entwickelt, zu tun hat. Frauen, Männer, Herrscher, Beherrschte und ihr Verhältnis zueinander, Liebe, Hass, Treue und Verrat: All das gab es damals und gibt es heute. Aber eine Frau von heute lebt ihr Frausein deutlich anders als eine Frau um 1780, 1811 oder 1920. Darum wissen alle Intendanten. Es gibt aber kein bereits erprobtes Rezept, wie sich das auf einer Bühne zeigen lässt."

Dafür läuft's am Broadway umso besser - und zwar mit anspruchsvollem Sprechtheater statt Musical, meldet die Dramaturgin Verena Harzer in der nachtkritik- auch durch die wachsende Anzahl von Non-Profit-Theatern am Broadway: "Diese Häuser sind es, die zeitgenössischen amerikanischen Autoren ein Heim am Broadway bieten. Außerdem sorgen sie für mehr Diversität. Während alle neuen Stücke an kommerziellen Broadway-Theatern diese Saison von weißen Männern stammen, haben die Non-Profit-Theater auch weibliche und nicht weiße Autoren im Programm. Mit 'Straight White Men' von Young Jean Lee war diese Saison zum ersten Mal ein Stück von einer asiatischen Frau am Broadway zu sehen."

Weitere Artikel: Trotz großer Namen ist FAZ-Kritikerin nicht restlos glücklich, nachdem sie im Bouffes-Parisiens Bertrand Marcos Inszenierung von Marguerite Duras' "Hiroshima mon amour" mit Fanny Ardant in der Hauptrolle (und Gerard Depardieu aus dem Off) gesehen hat: Marcos "lässt sie schlicht zu viel spielen. Und überschüttet damit die Feinheit des Textes."
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Literatur

Von einem insgesamt offenbar eher durchwachsenen Tag beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt berichtet Jan Wiele im FAZ-Blog. Nach dem Auftakt mit Katharina Schultens, die aus ihrem kommenden, offenbar Science-Fiction-artigen Roman "Urmünder" las, stürzten die Beiträge mitunter ins Banale ab oder es blieb gleich unverständlich: "Um überhaupt zu verstehen, wovon ein Text erzählt, sind die Jurydiskussionen manchmal auch nicht die beste Hilfe, weil sie selbst kryptisch bleiben oder sich gleich an Details verbeißen."

Gerrit Bartels resümiert im Tagesspiegel Clemens J. Setz' Klagenfurter Eröffnungsrede, aus der der Standard Auszüge bringt. Auch auf die ersten Lesungen kommt Bartels zu sprechen, die ihm allerdings nicht gar so recht gefallen wollten:  "Es dominieren Weltferne, Literaturliteratur, Texte, die der enorm freundlichen Jury viel motivische Entschlüsselung abverlangen, ohne dass noch Zeit bliebe, ihre Notwendigkeit oder Güte jenseits der geschlossenen Text-Systeme zu debattieren. ... Immerhin liest dann noch Julia Jost, die mit ihrer im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Mischung aus Coming-of-Age- Story und typisch österreichischer düsterer Sage beweist, konsistent und auf den Punkt hin erzählen zu können." Videos des Lesungen finden Sie hier.

Weitere Artikel: Roman Bucheli glossiert in der NZZ, dass Verschwörungstheoretiker mehr Romane lesen sollten, nachdem Franzobel und Daniel Kehlmann sich zuletzt mit Blick auf Österreich doch geradezu als Propheten kommender Dinge erwiesen haben. Besprochen werden unter anderem Colson Whiteheads "Die Nickel Boys" (Standard), Jim Nisbets neuer Krimi "Welt ohne Skrupel" (online nachgereicht von der FAZ) und Heinrich Deterings "Was heißt hier 'wir'? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten" (SZ).
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Architektur

Erich Kettelhut. Deutsche Kinemathek Berlin

Längst überfällig findet Marcus Woeller in der Welt die Würdigung der Kulissenmaler und Bühnenbildner, denen das Berliner Museum für Architekturzeichnung nun die Schau "Deutsche Filmarchitektur 1918-1933" widmet und die das Kino der Zwanziger maßgeblich prägten. Erich Kettelhut etwa, der die Architekturentwürfe von Fritz Langs "Metropolis" verantwortete: "Kettelhut hat die gigantisch aufgetürmte Wolkenkratzerstadt entworfen, den 'Klub der Söhne', in dem die Oberschichtskinder der Leichtathletik frönen, und die Untergeschosse, wo sich die Arbeiterschaft dem Maschinentrott fügt. Betrachtet man aber Kesselhuts Entwurf für den Turm von Babel, diese Stadtkrone, von der aus Metropolis beherrscht wird, dann sieht man, dass er seiner Zeit weit voraus war. Hier ist vieles angelegt, was in den Zwanzigerjahren noch utopisch war: brutalistische Architektur, die Stadt als Metabolismus, die Perspektive aus dem Kameraauge einer Drohne, die Ästhetik des Anime-Films."

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam ist ein "absoluter Tabubruch", sagt im Monopol-Gespräch der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt, der schon in der Planungsphase gegen das Vorhaben protestierte. (Unsere Resümees). Er verweist auf das Zustandekommen des Wiederaufbauprojektes, das auf Initiative eines rechtsradikalen Bundesoffiziers aus Westdeutschland, Max Klaar, zurückgehe, der das Projekt bis in die 2000er-Jahre mit Unterstützung von CDU und SPD beförderte. Die Trägerschaft sei ein "reenactment" des Schulterschlusses zwischen Kirche, Politik und Militär, meint er: "Das Konzept eines Friedenszentrums, das es derzeit gibt, ist mit den Kollegen von Max Klaar abgestimmt, man hat Konzessionen an diese gemacht, um sie einzubinden. Wir haben es mit einem modernisierten Rechtsradikalismus zu tun, der sich durchaus damit arrangieren kann, Begriffe wie Frieden und Versöhnung an diesem Ort zu zelebrieren. Die Stiftung betreibt eine Geschichtsklitterung, in der die negativen Seiten der Geschichte minimalisiert oder ausgelassen werden. Die Kirche wird zum Opfer und Widerstandsort gegen das NS-Regime stilisiert. So gut wie nichts davon ist wahr."
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Film

Im Freitag stellt Florian Schmid das Streamingangebot Means TV vor, das sich als Netflix-Alternative für die in den USA gerade boomende Bewegung des demokratischen Sozialismus versteht. Derzeit probt das Angebot noch mit einem Testprogramm auf Youtube, in dem in Drei-Minuten-Schnippseln vor allem das selbstbewusste Markieren linker Positionen performt wird: "Das reicht von einer Reportage aus den Eingeweiden des ländlichen Amerika, in der zwei Aktivisten vor einer von Bergbau zerstörten Landschaft über den Zusammenhang von Kapitalismus und Klimapolitik sprechen, über einen ziemlich rau gemachten Trickfilm, der eine Gruppe aufgebrachter Menschen dabei zeigt, wie sie ein Bürogebäude stürmen, bis hin zu einer Komikerin, die Anleitungen für das Überleben im neoliberalen Kapitalismus ohne Krankenversicherung gibt und einem Hipster, der als 'Marxist und Roofer' (Fassadenkletterer) erklärt, warum es wichtig ist, sich den Begriff der working class wieder anzueignen." Außerdem wird uns erklärt, was es mit dem Kapitalismus auf sich hat:



Weitere Artikel: Urs Bühler meldet in der NZZ, dass Anita Hugi die neue Direktorin der Solothurner Filmtage wird. Carolin Ströbele (ZeitOnline) und Wieland Freund (Welt) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Max Wright, der als Willie Tanner in der Serie "Alf" berühmt geworden ist.

Besprochen werden Susanne Heinrichs Autorinnenfilm "Das melancholische Mädchen" (FR, mehr dazu hier und hier), Michael Matthews in Südafrika spielender Post-Colonial-Western "Five Fingers for Marseilles" (Tagesspiegel), Carlos Reygadas' "Nuestro Tiempo" (Tagesspiegel, mehr dazu hier), Peter Jacksons Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old" über den Ersten Weltkrieg (FR, mehr dazu hier), das Drama "Wo ist Kyra?" mit Michelle Pfeifer (Zeit, Tagesspiegel) und die französische Komödie "Ein Becken voller Männer" (Tagesspiegel).
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Kunst

In der Presse kann Almuth Spiegler ihren Ärger über die Monica Bonvicini Ausstellung "I cannot hide my anger" im Wiener Belvedere kaum verbergen: Ein Stacheldrahtzaun als Kommentar auf Nationalismen, Trump und Migration? "Redundant und pathetisch", meint Spiegler. Im Guardian entdeckt Richard Godwin mit Penny Slinger den missing link zwischen Punk und Surrealismus.
In der Welt porträtiert die Schriftstellerin und Schauspielerin Julia Zange den neuseeländischen Konzeptkünstler Simon Denny, der mit seinen ironisch-"düsteren" Installationen Digitalisierung und Datengesellschaft hinterfragt. Für die taz ist Katrin Bettina Müller nach Rüdersdorf gereist, wo die Künstlergruppe Endmoräne derzeit die Turbinenhalle am Stiebnitzsee bespielt.

Besprochen wird die Otto-Zitko-Ausstellung im Lentos Kunstmuseum (Standard) und die Ausstellung "Im Licht des Nordens. Dänische Malerei der Sammlung Ordrupgaard" in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
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Musik

Die Zusammenstellung "Movies for Ears" ist ein schöner Ausgangspunkt, um sich die oneironautischen Musikwelten der polnischen Artpop-Künstlerin Ela Orleans zu erschließen, findet Robert Mießner in der taz. "Dreampop wäre, so denn Bedarf besteht, eine geeignete Schublade für das Album; Musik also zum Orakeln, Sinnieren und Spintisieren, Musik für, mit Verlaub, noble Freizeitbeschäftigungen. Dazu gehört auch der eine oder andere Gang ans Bücherregal. ... Pop darf belesen sein. Und die beste Popmusik wird immer noch von denen gemacht, die mit der Avantgarde auf Du und Du sind." Auf Bandcamp können wir in das Album reinhören:



Weitere Artikel: Michael Ernst berichtet in der FAZ von den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch. Kerstin Holm schreibt in der FAZ über das durch Estland wandernde Sängerfest, welches am vergangenen Wochenende sein 150-jähriges Bestehen feiern konnte.

Besprochen werden Thom Yorkes neues Soloalbum "Anima" (ZeitOnline), ein Konzert des Baltic Sea Philharmonic mit Kristjan Järvi (Tagesspiegel), das Debütalbum der Rapperin Natascha P. (taz), Eric Burdons Konzert in Berlin (FR) und ein Auftritt von Rod Stewart (Presse).
Archiv: Musik
Stichwörter: Orleans, Ela, Yorke, Thom