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Efeu - Die Kulturrundschau

Es lauern Monster in der Träumerei

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2019. Der Guardian feiert eine große Ausstellung afrikanischer Kunst in Dakar. In der Zeit fürchtet Thomas Hettche um die Freiheit der Kunst, die immer mehr Nützlichkeitserwägungen unterzogen werde. Die taz sieht in der neuen Star-Wars-Folge nur Erwartbares. In der NZZ erklärt Architekturforscher Theo Deutinger, warum moderne Anti-Architektur eine neue Phase der Deglobalisierung anzeigt. Die SZ wüsste gern, warum Regisseurinnen in der Volksbühne so häufig auf die kleine Bühne abgeschoben werden. Die taz unterhält sich mit Dokumentarfilmer Atef Ben Bouzid über ägyptischen Jazz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2019 finden Sie hier

Kunst

Abdoulaye Konaté: Tuareg Teppich (detail; 2018). Photo: F Maazouz


Was für eine Ausstellung! Im Guardian feiert Joshua Surtees die große Kunstausstellung, die derzeit im Museum of Black Civilisations in Dakar zu sehen ist, aber durch mehrere afrikanische Staaten touren wird. Kuratiert hat sie Yacouba Konaté und gänzlich mit zeitgenössischen afrikanischen Künstlern bestückt: Prête-moi Ton Rêve, lautet der Titel. "Der Titel der Show entspricht der scheinbaren Ruhe der Auswahl. Aber es lauern Monster in der Träumerei. Vielleicht haben Sie das Bedürfnis, Ihren Kopf auf das Samtkissen zu legen, das Sirikis geschmolzene Bronze 'Precious Heads' umschmiegt. Aber aus diesen verzerrten, rissigen Schädeln sickert das Griot-Wissen heraus. Sirikis fürchtet, dass die mündlich weitergegebenen Geschichten von Generation zu Generation verblassen. Das riesige Meisterwerk von Abdoulaye Konaté, 'Touareg Rouge No 1', mag wie eine liebevoll gefertigte Decke aussehen, um Sie in einem saharischen Winter zu wärmen. Aber es ist eine Studie über die Ästhetik, Farben und Motive der Tuaregkultur - und möglicherweise ein Ruf nach Frieden. Schließlich waren es die Tuareg-Rebellengruppen, die den von Islamisten besetzten Mali-Konflikt ausgelöst haben, der die Sahel-Region destabilisiert und Hunderttausende Menschen vertrieben hat."

Weitere Artikel: In der SZ stellt Kito Nedo den Künstler Tomás Saraceno vor, der gerade eine Ausstellung in der Berliner Galerie Esther Schipper hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Ludwig Windstosser. Fotografie der Nachkriegsmoderne" im Museum für Fotografie in Berlin (taz), eine Ausstellung des Fotografen Stefan Moses im Berliner Bröhan-Museum (FR), die Ausstellung "Oscar Murillo. Horizontal Darkness in Search of Solidarity" im Hamburger Kunstverein (FAZ) und eine Retrospektive des chinesischen Künstlers Ren Hang im c/o Berlin (FAZ).
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Literatur

Thomas Hettche sieht in der Zeit die Freiheit der Kunst in Gefahr - durch Identitätskämpfe oder die inzwischen sogar oft ausgesprochene Behauptung, die Kunst müsse einer Sache dienen, und wenn sie das nicht tue, sei sie wertlos: "Die Liste der Argumente, mit denen das Leid der Welt gegen die Autonomie der Kunst ausgespielt wurde, ist lang. So heißt es etwa in den Dämonen Dostojewskis: 'Der Enthusiasmus der modernen Jugend ist ebenso rein und leuchtend wie der unserer Zeiten. Nur eines ist vorgegangen: Die Ziele haben sich geändert; eine Schönheit ist durch eine andere ersetzt worden! Der ganze Zweifel besteht nur darin: was ist schöner, Shakespeare oder ein Paar Stiefel, ein Raffaelsches Gemälde oder Petroleum?' Shakespeare oder ein Paar Stiefel: Die Frage nach ihrer Nützlichkeit hat sich der Kunst über politisch linke Positionen unserer Gegenwart vererbt. Und immer ist es, 'rein und leuchtend', der 'Enthusiasmus der modernen Jugend', der sie von Neuem stellt. Und es ist dies, wie die blutige Geschichte der Kulturrevolutionen zeigt, keine akademische Frage. Heute wird sie unter dem Regenbogenbanner der Identität gestellt."

In der NZZ singt Felix Philipp Ingold ein Loblied auf den Aphorismus, dessen Qualitäten als Gattung zu selten wirklich gewürdigt werden: "Wenn einst Theodor W. Adorno pauschalisierend festhielt, jeder gelungene Aphorismus könne und müsse eine philosophische Monografie ersetzen, sollte man das eigentlich noch heute - oder heute wieder - zu schätzen wissen angesichts der Massenhaftigkeit und Unübersichtlichkeit des Informationsangebots und der Schwierigkeit, dieses Angebot kurzfristig und effizient zu nutzen. Zudem bietet der Aphorismus als minimalistische Textsorte den Vorteil raschester Lesbarkeit."

Claus Leggewie stellt in der FAZ die revolutionsgestählten Karikaturisten vor, die auch in der neuen Protestbewegung Algeriens nicht schweigen: Schon in den Neunzigern mussten die Künstler "wegducken unter dem blutigen Showdown zwischen islamistischem Terror und Armee, der ganz auf Kosten der demokratischen Zivilgesellschaft ging; viele Zeichner gingen ins Exil nach Frankreich. Zurück in Algerien, wurden sie oft mit Klagen überzogen, was sie erst recht zu Idolen machte. Die damals inkriminierten Karikaturen teilten schonungslos in alle Richtungen von politischer Korruption und religiöser Bigotterie aus; ihre humorvolle Radikalität und drastischen Charakterköpfe erinnerten an Cabu, Luz, Wolinski und andere Autoren von Charlie Hebdo, auch an den älteren Jean-Marc Reiser. Neue Talente kamen hinzu, wie der zweiunddreißigjährige Karim Bouguemra, ein gelernter Zahnarzt."

Weiteres: "Während Nationalismus, Rassismus und der Hang zu Verschwörungstheorien in Europa zunehmen, wird der Literaturnobelpreis einem Mann überreicht, der das Geschäft jener Ideologie betreibt, die die schlimmsten Verbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht hat", kritisiert der Soziologe Adnan Delalić im Guardian in einer Schlussbetrachtung der Handke-Kontroverse die Preisverleihung. Roman Bucheli (NZZ) und Jürg Altwegg (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Paul Nizon zum 90. Geburtstag. Die Neuauflage dessen Werks "Canto" bespricht Andreas Puff-Trojan im Standard. Außerdem gratuliert Dietmar Dath in der FAZ dem Science-Fiction- und Fantasy-Schriftsteller Michael Moorcock zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Mircea Cărtărescus "Solenoid" (Zeit), Michael Martens' Biografie über den Schriftsteller und Diplomat Ivo Andrić (Tagesspiegel), Louise Labés "Torheit und Liebe" (SZ) und Samuel Becketts frühe Erzählung "Echos Knochen" (FAZ).
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Film

Im Duell: die helle ... 

J.J. Abrams' neuer "Star Wars"-Film "Der Aufstieg Skywalkers" - gestern bereits vorab gelobt - hinterlässt eine gespaltene Kritik: Wer es ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer nicht gleich tut und am Ende dieses Films keine Träne der Rührung vergießt, der "hat kein Herz für bombastische Abenteuergeschichten im Weltall." Vor allem aber feiert Balzer Paul Inglis' Produktionsdesign: Auffälliger als sonst sind "die Bilder über ihre Funktion für den reinen Handlungsverlauf hinweg überhöht und in Extreme getrieben. Sie sind entweder wimmelnd überfüllt (mit Raumschiffen, Kriegern und Himmelskörpern) oder aber mystisch entleert; dann verliert der Blick sich in riesigen Räumen, in denen dieser oder jener Schicksalsstrang wieder entschieden wird. Manchmal - das sind vielleicht die eindrücklichsten Stellen - herrscht um die Figuren herum auch schlichte Monochromie; dann kollabiert die hyperrealistische Fantasywelt in den Spiegel der Innerlichkeit jener Heldinnen und Helden, die sich in ihr bewegen. Angesichts ihres unbegreiflichen Schicksals wirken sie hier so menschlich wie nie zuvor."

Andreas Busche ist im Tagesspiegel vor allem dem Schauspieler Adam Driver erlegen, der den Gegenspieler mimt: Driver vollzieht hier vor laufender Kamera "endgültig die Wandlung vom besten Darsteller seiner Generation zum Filmstar, der auch ein Milliarden-Franchise stemmen kann." Die Macht ist mit Abrams, freut sich Daniel Kothenschulte in der FR über ein rasantes Weltraumabenteuer mit einer charismatischen Hauptdarstellerin Daisy Ridley. Und SZ-Kritiker Fritz Göttler gerät angesichts dieses Milliardenprodukts eines internationalen Großkonzerns ins Stutzen: "Diesem Ende wohnt ein Hauch von Sozialismus inne."

... und die dunkel Seite der Filmkritik: Szenen aus "Der Auftstieg Skywalkers" (Disney)

Nun zur dunklen Seite der Filmkritiker-Macht: Auf Überraschungen sollte man hier nicht hoffen, winkt Tim Caspar Boehme in der taz ab: Zu sehen ist das Übliche: "Laserschwertkämpfe, lichtschnelle Verfolgungsjagden im All und halsbrecherische Befreiungsaktionen." Der Film bemüht so "konsequent wie mutlos den eher musealen Charme vergangener Tage", notiert ein enttäuschter Thomas Klein in der Berliner Zeitung. Überhaupt bleibt "aufrichtige Anteilnahme die Ausnahme", schreibt Dominik Kamalzadeh im Standard: "Die im Ansatz selbstironische Färbung, auch das optisch eigensinnige Design des von Rian Johnson verantworteten 'Die letzten Jedi' (Teil acht) weichen wieder einem hemdsärmeligen Stil. Die ruppige Inszenierung, die im Zweifelsfall lieber klotzt statt Nuancen zu suchen, pusht die Handlung unaufhörlich nach vorn."

Thomas Groh bemängelt im Perlentaucher, dass Abrams sich mit einem sehr komfortabel zu seinen Gunsten zurechtgelegten Drehbuch Marke "Hase aus dem Zylinder" durch "die Franchise-Ruine schlawinert, um in atemlos runtergepolterten 144 Minuten zu retten, was zu retten ist." Woran das liegt, hat Lory Roebuck für die NZZ herausgefunden: Dem Regisseur fehlte "die Zeit. Abrams sprang erst eineinhalb Jahre nach Produktionsbeginn ein".

Weiteres: Peter Münch trauert in der SZ um das Wiener Bellaria-Kino, das nach 107 Jahren seine Pforten schließt. Besprochen werden Bruno Dumonts Filmmusical "Die Kindheit der Jeanne d'Arc" (Perlentaucher), Tyler Nilsons und Michael Schwartz' Komödie "The Peanut Butter Falcon" (Tagesspiegel), die DVD von Heiko Schiers 1989 entstandenem Film "Wedding" (taz) und die Joyn-Serie "Dignity" (FAZ).
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Archiv: Film

Architektur

Sabine von Fischer unterhält sich für die NZZ mit dem österreichischen Architekturforscher Theo Deutinger über dessen Recherchen zu Anti-Architektur, also eine Architektur, die sich gegen Menschen wendet, wie Grenzzäune, Gitter und Mauern. Mauern gibt es inzwischen überall, so Deutinger, in Südamerika zum Beispiel erlebt der Mauerbau gerade einen Boom: "Einerseits ist Südamerika wirtschaftlich und kulturell noch relativ homogen. Andererseits war der Durchfluss in den reichen Norden, in die USA bisher möglich, wenn auch schwierig. Die harte Rhetorik und die radikalen Maßnahmen gegen Einwanderer von Donald Trump setzen Mexiko und andere Länder unter Druck. Plötzlich bewacht nun Mexikos Militär auch die Grenze zu Guatemala. So breitet sich der Mauerbau-Hype in Südamerika aus. Es entstehen Barrieren zwischen Ecuador und Peru, und es gibt Pläne für Barrieren zwischen Argentinien und Paraguay. Das ist ein trauriger Beweis dafür, wie schnell diese neue Phase der Deglobalisierung immer mehr Länder mit sich reißt." Deutingers Arbeit kann man derzeit neben anderen im Schweizer Architekturmuseum in der Ausstellung "Unterm Radar" sehen.

Bei der Lektüre der Ausschreibung zur Sanierung der Komischen Oper Berlin sträuben sich Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hansen die Nackenhaare angesichts der Forderungen des Berliner Denkmalschutzes: So soll die völlig intakte Außenhaut komplett ersetzt und in den Zustand von 1966 versetzt werden. "Komplett herausgerissen gehört nach Ansicht des Denkmalschutzes die Ausstattung, mit der Stephan Braunfels die Foyers 2005 aufgewertet hat. Die bedampften Spiegel, die den Raum optisch weiten, ohne die intime Atmosphäre zu stören, müssen weg. Denn dahinter liegen noch die nackten Wände von Kunz Nierade. Die dunkel überstrichene 'Lochplattendecke aus Gipsstuck' soll ihre ursprüngliche Eierkartonanmutung bekommen, die Garderoben ihren sozialistischen Charme. Alles 'auf der Grundlage restauratorischer Befunde', versteht sich. Die Forderungen erinnern fatal an den Umgang mit der Staatsoper."
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Bühne

Szene auss Lucia Bihlers "Final Fantasy". Foto: Katrin Ribbe


Schade eigentlich, dass die Regisseurinnen an der Volksbühne fast immer auf die kleine Bühne im dritten Stock abgeschoben werden, während sich die Jungs auf der Hauptbühne austoben dürfen, meint Anna Fastabend in der SZ. "Dabei sind die Ansätze der aktuellen Leitung gar nicht verkehrt, immerhin hat sie die jüngste bundesweite Konferenz des 'Ensemble Netzwerks' beherbergt, in der es um eingefahrene Strukturen am Theater ging. Umso unverständlicher, dass sich Shootingstars wie Pınar Karabulut und die neue Hausregisseurin Lucia Bihler mit dem kleinen Saal zufrieden geben müssen. Karabuluts zweite Inszenierung wird erneut im dritten Stock stattfinden und Bihler, die zwar 2020/21 mit einer 'Iphigenie-Überschreibung' auf die große Bühne geht, will/soll/muss sich in dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz scheinbar erst mal akklimatisieren. Und das, obwohl sie spätestens mit der Spielzeiteröffnung des Münchner Volkstheaters bewiesen hat, dass sie auch in größeren Dimensionen arbeiten kann." Was sie der Kritikerin mit ihrem aktuellen Stück "Final Fantasy" auch auf der kleinen Bühne beweist.

Weiteres: In der nachtkritik resümiert Esther Boldt die Krise am Staatstheater Darmstadt. Besprochen werden Alla Kovgans Dokumentarfilm "Cunningham" (taz, FR, FAZ) und Emanuel Gats Choreografie zu Bobby Hebbs "Sunny" an der Deutschen Oper Berlin (taz).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Volksbühne, Bihler, Lucia

Musik



Für seine Jazzkolumne auf ZeitOnline hat sich Ulrich Stock mit dem Dokumentarfilmer Atef Ben Bouzid getroffen, der mit seinem im Lauf der letzten sechs Jahren entstandenen Film "Cairo Jazzman" Amr Salah, einer zentralen Figur der ägyptischen Jazzszene, ein Denkmal gesetzt hat. "Seine Idee war: einen Film über eine Region zu machen, über die nur Negativschlagzeilen existieren. ... Der Film ist, damit geht es gleich los, 'der ägyptischen Zivilgesellschaft gewidmet'. Er zeigt, wie ein arabischer Musiker, beseelt vom Jazz, gegen alle Hindernisse ein Festival ermöglicht, das in seiner Umgebung alles andere als selbstverständlich ist. Wir sehen Amr Salah, den Pianisten, der in seiner Hochhauswohnung auf dem Balkon die Blumen gießt, um ihn herum die Megacity. Das allgegenwärtige Hupen des stehenden Verkehrs, die grau-violetten Silhouetten, die Satellitenschüsseln auf ockrigen Dächern, der Ruf des Muezzins. ... Kairo als Stadt sei wie die Avantgarde im Jazz: modern, experimentell, spontan und sonderbar. 'Kairo ist verrückt, aber es hat Rhythmus. Ägypten hat den Groove.' Amr Salah wäre ein großartiger Botschafter seines Landes. Er weckt Sympathien für die Bewohner eines misstrauisch beäugten Staates." Für die taz bespricht Katrin Wilke den Film. Auf Soundcloud gibt es eine Playlist, die eine Art inoffizieller Soundtrack darstellt:



Besprochen wird außerdem Elton Johns Autobiografie (NZZ).
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