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Efeu - Die Kulturrundschau

Es muss immer ein Abriss sein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2020. Die Berliner Zeitung lässt sich von Florentina Holzinger in den Sophiensälen Masturbationstipps geben und eine Stange durch den Unterleib bohren. Die SZ lässt sich im Münchner Haus der Kunst lieber von Franz Erhard Walthers Stofffiguren umarmen. Im Tagesspiegel erklärt die feministische Rapperin Sookee, warum sie die Bühne verlässt. In der Literarischen Welt beschwört Leander Steinkopf das Scheitern als Chance. Und die taz schaut sich im Jüdischen Museum in Berlin Israel von außen an.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2020 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Tanz". Bild: Eva Würdinger

Einen in seiner Körperlichkeit "übergriffigen", nahezu schmerzenden Abend verlebt Ulrich Seidler (Berliner Zeitung) bei der Berliner Premiere von Florentina Holzingers Choreographie "Tanz" in den Sophiensälen, die in drei Akten nackte Tänzerinnen auftreten lässt, um von den "körperlichen und seelischen Zurichtungen durch Rollenklischees und Körperbilder" zu erzählen: "Körper kommen zu Vorschein, Naturprodukte, verschieden geformt, ausgestattet und geschmückt − aber gleich verletzlich. Es kippt: Die Meisterin inspiziert nun die Geschlechtsteile ihrer Schutzbefohlenen, wird von einem Orgasmus überrollt und gibt ein paar Tipps zum Masturbieren. Der zweite Akt spielt im Wald, ein Wolf jagt Hexen und Luftgeister und reißt ihnen die Extremitäten ab, eine Ratte wird geboren − oder der nächste Jäger? Die Bilder sind blutig und explizit, aber es ist noch ein Spiel. Im dritten Akt geht es dann ins Fleisch. Die Darstellerin des Wolfes wird auf einen Pfahl gelegt, es geschieht (Pardon, Spoiler) ein fingierter Unfall, und die Stange bohrt sich durch den Unterleib. Echt sind dann die vier Haken die nach ausgiebigen Desinfektionsvorkehrungen durch die Rückenhaut einer weiteren Darstellerin getrieben werden, um sie daran aufzuhängen und schweben zu lassen."

In der taz ist Nicholas Potter schon ganz gespannt auf das nächste Woche startende Festival für Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne, das unter dem Motto "Gegenbild und Gegenmacht" zum zwanzigsten Geburtstag erneut internationales Theater nach Berlin holt: Neben Inszenierungen von Kirill Serebrennikow, Milo Rau, Angelica Liddell und Edouard Louis freut sich Potter vor allem auf "'Pratthana - A Portrait of Possession' des thailändischen Romanautors Uthis Haemamool (...). Inszeniert von dem japanischen Regisseur Toshiki Okada, der dieses Jahr mit 'The Vacuum Cleaner' seine erste Einladung zum Berliner Theatertreffen erhalten hat, präsentiert das Stück ein gegenkulturelles und hedonistisches Panorama vom Bangkok der Gegenwart, das die politische Geschichte Thailands und den Zusammenbruch eines korrupten Systems schildert."

Weiteres: Die beiden Noch-Intendanten des Berliner Staatsballetts, Sasha Waltz und Johannes Öhmann, werden ihre Verträge bereits im Sommer beenden, um eine Übergabe der Intendanzgeschäfte innerhalb der Spielzeit zu vermeiden, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen wird Stefan Puchers Inszenierung von Heinrich Bölls Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" am Schauspielhaus Hannover (taz) und Alicia Geugelins "Killing in the name of…" am Lichthof-Theater (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Die gestern ausgestrahlte erste Folge des neukonzipierten Literarischen Quartetts mit Gastgeberin Thea Dorn bot vor allem "business as usual", meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Für "etwas tantig" hält ZeitOnline-Kritiker Johannes Schneider den Plan, die Sendung aus dem Literaturkritik-Korsett zu lösen und in einen "gesellschaftlichen Salon" zu überführen. Auffällig an dieser Neuauflage ist nun, wie "sich das gesellschaftliche Außen massiv in den Vordergrund der Sendung drängt. Nichts verweist nur auf sich selbst, alles wird vor allem im Kontext von Außenbezügen gelesen", worunter die Literatur als Kunst aus dem Blick gerät: Sie "ist in dem referenzsatten Referenzrahmen, den die Anwesenden schaffen, auf besonders eklatante Weise nur Literatur. Ihr Mehrwert gegenüber der echten Welt scheint, böse gesprochen, darin zu bestehen, dass sie keinen Mehrwert hat, der über Bezüge auf diese echte Welt hinausgeht." In der Literarischen Welt bemäkelt Philipp Haibach, dass "in den Köpfen des erlauchten Kreises leider auch wieder jene Kritikerfloskeln herumspuken, die einer argumentativen Auseinandersetzung mit dem besprochenen Werk entgegen stehen." Für die in der Sendung besprochenen Bücher haben wir in unserem Online-Buchladen Eichendorff21 einen kleinen Büchertisch zusammengestellt.

Wer mit seinen Manuskripten nicht bis zu einer Veröffentlichung durchdringt, hegt schnell Groll wider das System und wähnt womöglich Diskriminierung im Argen, schreibt Leander Steinkopf, mittlerweile publizierter Autor, in der Literarischen Welt und schöpft dabei durchaus auch aus eigenen Erfahrungen. Recht geben will er seinem früheren Selbst allerdings nicht: "Vielleicht ist es in der sozial abgefederten Weltgegend, in der wir wohnen, ganz wichtig, Institutionen zu haben, um, mitunter willkürlich, Ablehnung und Frustration unter die nachwachsenden Schriftsteller zu bringen. So herum muss man es nämlich wenden: Die Möglichkeit zu scheitern, ist eine Ressource, die vom Literarischen Colloquium Berlin fast jedem Bewerber niederschwellig zur Verfügung gestellt wird."

Weiteres: Im "Literarischen Leben" der FAZ erinnern Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz an Ferdinand Grimm, den dritten, im Schatten von Jacob und Wilhelm stehenden Bruder Grimm, dessen Märchen Boehncke und Sarkowicz im Sommer in der "Anderen Bibliothek" herausgeben. Nachdem Norbert Bolz auf Twitter kürzlich im Brustton der Überzeugung deklamierte, linke Autoren von Weltrang gebe es nicht, liefert Ralf Klausnitzer im Freitag eine Liste, die leicht das Gegenteil beweist. Im Literaturfeature für Dlf Kultur stellt Anat Kalman das Übersetzungsnetzwerk Traduki vor, das sich auf die Literaturen der Nachfolgestaaten Jugoslawiens konzentriert. In einer Langen Nacht für den Dlf Kultur befassen sich Jane Tversted und Martin Zähringer zudem mit Climate Fiction. Außerdem bringt die Literarische Welt einen Auszug aus Thomas Sparrs neuem Buch "Todesfuge. Biografie eines Gedichts".

Besprochen werden unter anderem Leif Randts "Allegro Pastell" (SZ, taz, Literarische Welt), Abbas Khiders "Palast der Miserablen" (SZ), Edna O'Briens "Das Mädchen" (FR), Anna Burns' "Milchmann" (NZZ), Ghayath Almadhouns "Ein Raubtier namens Mittelmeer" (taz), Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" (SZ), Verena Günters "Power" (Literarische Welt) und A.G. Lombardos "Graffiti Palast" (FAZ).
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Kunst

"Umarmt und behütet" fühlt sich Cathrin Lorch in der SZ in der großen Franz-Erhard-Walther-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, das dem mit Stoff arbeitenden deutschen Installations- und Konzeptkünstler nun eine längst überfällige und "überraschende" Werkschau widmet, die zum Befühlen der Werke einlädt und die Grenze zwischen Werk und Betrachter verwischt: "Die Matten in Olivgrün, die so sauber wie Hemden gefalteten und verschnürten Bündel aus weißem Nesselstoff, kleine, tiefrote Kissen und eine aufragende, dick gepolsterte Weste, wirken so nützlich und vielversprechend, als habe man einen Armeetransporter ausgeleert oder die Kulissen eines Wandertheaters geplündert. Schon die Vorstellung, wie unterschiedlich jede einzelne Skulptur ausgepackt, aufgerollt oder entfaltet wird, evoziert Bewegung, Körperlichkeit, Aktion. Und schnell erkennt man sie dann auch wieder, wenn man in der angrenzenden Halle zwei Frauen begegnet, die - die Köpfe durch eine lange Stoffbahn verbunden - ihr Gewicht ausbalancieren."

Bild: Frédéric Brenner: The Aslan Levi Family. 2010. Copyright: Frédéric Brenner. Courtesy Howard Greenberg Gallery

Fotografien jenseits des medial verbreiteten Israelbildes bewundert Katharina Granzin in der taz in der Ausstellung "This Place" im Berliner Jüdischen Museum, die zwölf Positionen von internationalen FotokünstlerInnen zeigt, die mehrere Jahre in Israel und im Westjordanland gearbeitet haben. Israelische und palästinensische Künstlerinnen wurden nicht gefragt, Frederic Brenner, dem Initiator des Projekts kam es auf den Blick von außen an, so Granzin: "Die meisten der beteiligten KünstlerInnen waren, wie sie in Videointerviews erzählen, nie zuvor in Israel gewesen. Eine große Spannung habe sie gespürt, sagt die Koreanerin Jungjin Lee, eine Grundstimmung, die sich auch auf sie selbst übertragen habe, verstärkt noch dadurch, dass sie mit einem Auftrag ins Land geschickt worden war und anders als sonst gezielt nach Bildern suchen musste. Diese Aussage bildet einen bemerkenswerten Kontrast zu den großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern, die Lee aus ihrem Israel-Aufenthalt generiert hat und die gleichsam zu schweben scheinen. Es sind meditative Landschaftsaufnahmen mit nur wenigen Bildelementen, die zeitlose Ruhe und einfache Schönheit ausstrahlen."

Weiteres: Im Standard erzählt Olga Kronsteiner die Geschichte eines Vincent-van-Gogh-Werkes, das ein BBC-Journalist 1968 auf einem Londoner Flohmarkt entdeckte und das nun für 12 bis 15 Millionen Euro verkauft werden soll. Besprochen wird die Ausstellung "…von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden", die erste Ausstellung des kroatischen Kuratorinnen-Kollektivs WHW in der Wiener Kunsthalle (Standard), die Raffael-Ausstellung in den Scuderie del Quirinale in Rom (Tagesspiegel) und Halina Dyrschkas Film "Jenseits des Sichtbaren - Hilma af Klint" (FAZ).
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Archiv: Kunst

Film

Nach Protesten der Mitarbeiter der Hatchett-Verlagsgruppe wurde die dort für April geplante und kürzlich noch bekräftigte Veröffentlichung der Autobiografie Woody Allens nun doch kurzfristig abgesagt, meldet die New York Times. Der PEN America reagierte mit einer Pressemitteilung: "Sollte dieses Buch, ungeachtet seiner Verdienste, spurlos verschwinden, wird den Lesern die Möglichkeit genommen, es zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Als Verteidiger der freien Meinungsäußerung und der breiten Vielfalt von Büchern und Ideen, hoffen wir inständig, dass dieses Ergebnis Verleger nicht vor solchen Manuskripten zurückschrecken lässt, die Lektoren zwar für lesenswert halten, aber von Leuten handeln - oder sogar von diesen Leuten geschrieben sind -, die manche für verachtenswert halten könnten."

Sascha Westphal porträtiert für epdFilm den südafrikanischen Regisseur Richard Stanley, der nach einigen künstlerisch avancierten Horrorfilmen in den frühen 90ern und einem langen Karriere-Aus mit seinem neuen Film "Die Farbe aus dem All" (unsere Kritik) ein Comeback vorlegt: Ohne Stanleys Background in der Anthropologie und der südafrikanischen Mythologie sei dessen Kino nicht zu verstehen. "Die Bilder und Schnitte selbst haben einen rituellen Charakter. Stanley greift auf Überblendungen und Doppelbelichtungen zurück, die ein Tor zu einer anderen Welt öffnen. ... Wenn Maya Deren und Kenneth Anger statt Experimentalfilmen B-Pictures für Hollywood-Studios gedreht hätten, dann sähen sie wahrscheinlich aus wie 'Dust Devil' oder 'Mother of Toads', Stanleys Beitrag zur Horror-Anthologie 'The Theatre Bizarre'. Stanley gelingt es, die Grenzen zwischen kommerziellen Genreproduktionen, experimentellen Kunstfilmen, anthropologischen Beobachtungen und magischen Ritualen konsequent zu verwischen." Arte hatte vor zwei Jahren ein Porträt über diesen Sonderling des Genrekinos gesendet:



Besprochen werden Abel Ferraras "Tommaso und der Tanz der Geister" (Standard, unsere Kritik hier), Dani Levys Verfilmung des Bestsellers "Die Känguru-Chroniken" (SZ) und der neue Pixar-Film "Onward" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Im Tagesspiegel spricht die feministische Rapperin Sookee ausführlich über ihre Beweggründe dafür, aus dem Business auszusteigen: Nicht nur, war ihr der Kompromiss, sich Bühne und Markt ständig mit sexistischen Rüpeln wie Fler und Straßenbande 187 zu teilen, irgendwann zu viel. Auch der Stress der Selbstausbeutung war zu hoch: "Es muss immer ein Abriss sein. Ein Konzert, ist kein Konzert mehr, sondern ein Abriss oder eine Rasur. Man tritt auch nicht mehr auf, sondern man liefert ab. Das sind Begriffe, mit denen ich nichts anfangen kann. ... Klar, es geht um Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das ist der Kapitalismus. Du musst immer einen obendrauf setzen, du kannst nicht ruhiger werden. Eine Albumveröffentlichung steht und fällt mit der Promo, nicht mit dem Album als solchem. Wenn dich jemand verklagt, wenn dein politischer Feind dich angreift, ist das Promogold."

Überhaupt, das Geld: Zum morgigen Frauentag hat die taz einen Schwerpunkt zu "Frauen und Geld", in dem Jens Uthoff eine Rückschau hält, wie sich Frauen in Pop- und Rocktexten zum Geld verhalten. Eine inhaltlich dazu passende Spotify-Playlist hat die taz außerdem zusammengestellt.

Weitere Artikel: Judith von Sternburg hat sich für die FR im Feld der Dirigentinnen umgesehen und stellt dabei fest, dass dieses Berufsfeld im Vergleich zu noch vor einigen Jahren sich Frauen gegenüber zusehends öffnet. Außerdem hat sie mit Cosima Sophia Osthoff gesprochen, Deutschland einziger Dirgierprofessorin. Die FAS hat ihr Gespräch mit Ice-T zum neuen BodyCount-Album online nachgereicht. In seiner "Remain in Light"-Kolumne für den Standard erinnert Karl Fluch an Neil Youngs Album "Ragged Glory". Für den Standard plaudert Christian Schachinger mit dem Vorarlberger Rockmusiker Reinhold Bilgeri.

Besprochen werden die deutsche Übersetzung von Mark Fishers Textsammlung "k-punk" (Jungle World), ein von Simon Rattle dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), Marla Glens neues Album "Unexpected" (FR),die Wiener Ausstellung "Beethoven und seine Verleger" (Standard) und das neue CocoRosie-Album "Put the Shine On", in dessen "imaginäre Gegenwelt zur Realität, die Möglichkeiten eröffnen soll, die in der Gegenwart nicht bestehen", taz-Kritiker Elias Kreuzmair sehr gerne eintaucht. Daraus ein aktuelles Video:

Archiv: Musik