Efeu - Die Kulturrundschau

Herr der Erschöpfung

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01.12.2020. Der DlfKultur begeistert sich für die Parallelwelten des Schriftstellers Hervé Le Tellier, der gestern mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Diversität der Sprache, findet Olga Martynova in der FAZ, umfasst auch Begriffe wie "Tunte, Zigeuner und Jude". Die NZZ lernt von der indischen Architektin Anupama Kundoo, wie man ein Biryani kocht. Die SZ bewundert die Raumschiffe, die Captain Corbusier in die französischen Alpen rammte. Die taz dankt Coco Chanel noch immer für die Befreiung der Taille. Der Guardian sucht Trost in Blumenbildern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2020 finden Sie hier

Literatur

Der Schriftsteller Hervé Le Tellier ist für seinen Roman "L'Anomalie" mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden. Der Roman changiert zwischen Science-Fiction und Kriminalroman, erklärt Dirk Fuhrig im Dlf Kultur: "Ist unser Leben eine einzige Simulation? Werden wir manipuliert - und von wem? Leben wir alle in einer Parallelwelt? Ein spannend und packend geschriebener Roman, der Themen anreißt, die uns in den modernen, von Technologie beherrschten Gesellschaften beschäftigen." Le Tellier hat verdient gewonnen, aber auch die drei weiteren nominierten Romane sind hervorragend, freut sich SZ-Korrespondent Joseph Hanimann: "Mit 'Les impatientes' (Die Ungeduldigen) der Kamerunerin Djaïli Amadou Amal über den Kampf früh verheirateter Mädchen, den Aufzeichnungen eines fiktiven Historiografen am Hof des marokkanischen Königs Hassan II. von Maël Renouard in 'L'historiographe du royaume' und 'Thésée, sa vie nouvelle' (Theseus, sein neues Leben) des in Berlin lebenden Camille de Toledo über die Last der Erinnerung lag ein selten breites Themenspektrum vor."

Die Schriftstellerin Olga Martynova sorgt sich in der FAZ um die Diversität der Sprache - gemeint sind allerdings weniger Fragen sozialer Repräsentation, sondern vom Aussterben bedrohte Wörter oder solche, die im Gebrauch nicht mehr genehm sind. "Als Autor ist man sowieso Rettungsdienst. Wörter verschwinden mit den Gegen- oder Umständen. ... Man kann Diversität nicht erreichen, indem man den Unterschied verneint, und die Vielfalt retten nicht Lücken, sondern eine mutige Sprache." Weshalb Martynova bei Kolleginnen und Kollegen nachgefragt hat: Nora Gomringer rettet "Hexe, Trulla, schlampig", Martin Piekar den "Bastard", Thomas Stangl die "Hysterie", Jackie Thomae den "Einwanderer", Anne Weber "Held, Vaterland" und Olga Martynova selbst "Tunte, Zigeuner, Jude", denn "nicht 'jüdische Mitbürger', sondern Juden, nicht 'Sinti und Roma', sondern Zigeuner wurden verfolgt und vernichtet, und diese Wörter bewahren das Andenken an Schoa und Porajmos."

Weitere Artikel: Für ein großes Gespräch für die Berliner Zeitung hat Cornelia Geißler den Lektor, Verleger und Literaturwissenschaftler Gerhard Wolf, Christa Wolfs Witwer, besucht. Die SZ präsentiert die schönsten Leserzuschriften zu sechzig Jahren Oulipo (mehr dazu hier). Der Lektor Wolfgang Matz verlässt Hanser - damit geht für den Verlag eine Epoche zu Ende, kommentiert Jürgen Kaube in der FAZ. Auch für die literarische Online-Community geht eine Epoche zu Ende: Das Lyrikmagazin Fixpoetry wird mangels Finanzierung eingestellt, bleibt aber als Archiv vorerst erhalten.

Besprochen werden unter anderem Howard Eilands und Michael W. Jennings' große Biografie über Walter Benjamin (taz), Francis Ponges "Le Soleil/ Die Sonne" (FR), Sven Heucherts "Alte Erde" (Tagesspiegel), Germano Almeidas "Der treue Verstorbene" (Dlf Kultur), Elif Shafaks "Schau mich an" (NZZ), Thomas Wolfes "Eine Deutschlandreise" (online nachgereicht von der FAZ), Janet Lewis' "Verhängnis" (SZ) und Jacques Poulins "Volkswagen Blues" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Anupama Kundoo: Wall House in Auroville, 2000. Foto: Louisiana Museum

Als Wunderkammer voller Schneckenhäuser, Blätter und Gesteinsarten feiert Ulf Meyer in der NZZ die Ausstellung "Taking Time", mit der das dänische Louisiana Museum of Modern Art die indische Architektin Anupama Kundoo würdigt. Kundoo ist in Architektenkreisen bereits ein Star, weiß Meyer, ihr erstes Haus baute sie in der Hippie-Stadt Auroville aus Blättern und Ästen: "'Gebrauchstauglichkeit muss weder Gefühl noch Schönheit ausschließen', sagt sie und erschließt sich die Schönheit aus der Materialität und der Herstellung. Ihr Interesse an Bautechnik und Innovationen steht aber gestalterisch nie im Vordergrund. Vielmehr bemüht sie die Kulinarik wiederum als Beispiel, wenn sie sagt: 'Wenn man Biryani kocht, sollte kein einzelner Geschmack besonders auffallen. Es geht darum, das Ganze zu genießen.' Kundoo entwickelt Bautechniken, die allein auf die verfügbaren Materialien und Fähigkeiten in situ zugeschnitten sind. Was sie lange ausklügelt, wird dann schnell gebaut."

Fasziniert blättert SZ-Kritiker Alex Rühle durch den Bildband "été", in dem die beiden Fotografen Olaf Unverzart und Sebastian Schels die französischen Skizentren im Sommer zeigen, wenn der Schnee geschmolzen ist und die Orte wieder auf 1500 Einwohner geschrumpft sind: "Flaine zum Beispiel. Hochhäuser, vorfabriziert und vor Ort montiert. 2000 Hotelbetten. 4000 Ferienwohnungsbetten. 1000 Betten für das Personal. Restaurants, Geschäfte, ein Kino, eine Kirche, ein Centre d'art. Tennishalle, Schwimmbad, Kegelbahn. Alles so kompakt wie in einer Innenstadt. Und als Höhepunkt La Flaine, Marcel Breuers Hotel, das spektakulär über eine Felswand kragt und heute zu den monuments historiques zählt. Bei Unverzart und Schels wirkt es, als sei eine brutalistische Version der Enterprise mit Captain Corbusier an Bord in den Granithang gekracht. Wenn Jacques Tati, dieser geniale Zivilisationskritiker, sich je dazu entschlossen hätte, 'Mon Oncle' zum Skifahren zu schicken, er hätte ihn in einem dieser Kästen absteigen lassen um dann zu zeigen, wie er in der riesigen Freizeitmaschinerie verloren geht."
Archiv: Architektur

Design

Coco Chanels "Mariniere" aus Jersey und mit Matrosenkragen, 1916 in Deauville 
Das wurde aber auch Zeit, schreibt Marina Razumovskaya in der taz: Im Pariser Museum Palais Galliera sind erstmals Coco Chanels Kleider gesammelt und an einem Ort integral ausgestellt - ja, wenn denn nur Corona nicht wäre. Im Mittelpunkt steht natürlich das Strandkleid La Marinière, Chanels großes Statement in Jersey von 1916: "Das ganze Outfit hängt an den Schultern. Ach, was musste die arme, weiche, verletzliche Taille schon alles aushalten in der Geschichte der europäischen Mode! Korsette, Korsagen, Krinolinen und später noch die X-Silhouette des New Look, der Zeit von Chanels Comeback in den 1950ern: Sie alle deklinieren Sexiness von der Taille aus - mit der naheliegenden Folge, den Busen zu betonen. Dagegen steht Chanels Formel: Befreiung der Taille. Die Schnitte, die daraus entstehen, sind simpel, elegant, auch ein wenig maskulin, la femme dandy." Schöne Bilder gibt es auf Instagram unter dem Hashtag #expochanel.

Außerdem: Brigitte Werneburg singt in der taz ein Loblied auf die Wolle und gibt Tipps, was es beim Kauf zu beachten gibt. In seiner Kolumne fürs ZeitMagazin beobachtet Tillmann Prüfer ein Comeback des Harnischs.
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Archiv: Design
Stichwörter: Chanel, Coco, Corona

Kunst

Karl Blossfeldt: Adiantum pedatum, 1928

Im Guardian preist Laura Cumming die Schau "Unearthed" in der Dulwich Picture Gallery in London, die das Verhältnis von Fotografie und Botanik auslotet. Cummings kann sich gar nicht sattsehen an den Broccoli-Bildern des englischen Gärtners Charles Jones oder den Stiefmütterchen des französischen Fotografen Adolphe Braun: "Die meisten großen Fotografen der vergangenen beiden Jahrhunderte haben Blumen, Obst und Gemüse als Stillleben festgehalten. Die Ausstellung zeigt die klassischen Bilder, aber auch etliche unerwartete oder weniger bekannte arbeiten. Zu den originellsten gehören die Fotografien des deutschen Künstlers Karl Blossfeldt, dessen Ausbildung in einem Eisenwerk ihn offenbar für schmiedeeiserne Formen von Ranken, Stängeln und Blüten empfänglich machte. Er fand die reine Geometrie in Samen, scharf geschwungenen Dornen oder den hängenden Köpfen verwelkender Glockenblumen."

Weiteres: Rose-Maria Gropp berichtet in der FAZ mit großer Skepsis von einem Fund der italienischen Kunsthistorikerin Annalisa Di Maria, die eine Zeichnung von Leonardo da Vinci entdeckt haben will und darin eine Studie zu Leonardos wahrem "Salvator Mundi" ausmacht. Das 450-Millionen-Dollar-Bild, mit dem der saudische Kronprinz seine Yacht ziert, hält Di Maria dagegen für eine Fälschung, wie wir erfahren. In der FAZ-Serie zu historischen Ausstellungen erinnert sich Patrick Bahners an die Schau "Naum Gabo - Sechzig Jahre Konstruktivismus" von 1986 in der Berliner Akademie der Künste.

Archiv: Kunst

Bühne

Mozarts "Le Nozze di Figaro". Foto: © Moritz Schell  / Theater an der Wien

Die erste Opernarbeit des Satirikers Alfred Dorfer konnte nur im Fernsehen gezeigt werden, Standard-Kritiker Ljubisa Tosic wartet jetzt umso mehr auf die Live-Premiere von Mozarts "Le nozze di Figaro" im Theater an der Wien: "Zweifellos kommt allerdings rüber, wie intensiv in diesem Energiefeld von Macht und Begehren agiert wird: So zerzaust wie der Raum, so ramponiert scheint zunächst Almaviva. Er sitzt erschöpft im Stuhl, nickt gerne ein und träumt davon, die Protagonisten seiner Umwelt wie Wachsfiguren hin und her zu verschieben. Die Wirklichkeit ist seinen Machtfantasien jedoch weit weniger zugetan. So mobilisiert dieser Herr der Erschöpfung denn auch seine letzten Kräfte, wenn es um die Reste seiner Ehre geht. Es kippt die heitere und gekonnt durchchoreografierte Inszenierung dann ins Düstere. Es landet der notorische Damenjäger Almaviva, nun übergriffig, ungebetenerweise zwischen den Beinen seiner Gemahlin."

Auf der Nachtkritik wünscht sich Michael Wolf mehr Philosophie im Theater: "Ob Trump, Klimawandel, AfD, ökologische, politische oder moralische Katastrophen, Theater ist dabei, will mitreden und die Welt verändern. Wie diese Welt aber überhaupt beschaffen ist, gar was sie im Innersten zusammenhält, über diese Frage nuscheln Schauspieler gern verlegen hinweg."

Weiteres: Christine Dössel schreibt in der SZ zum Tod des Schauspieler und Regisseurs Peter Radtke, der mit seinem "Crüppel Cabarets" ein Vorreiter des inklusiven Theaters war. Hubert Spiegel weist in seinem Nachruf in der FAZ auch darauf hin, dass Radtke zum "Problem Brüchigkeit" promoviert hatte.
Archiv: Bühne

Film

Die Berlinale hält in ihren Mails mit Akkreditierungsangeboten weiterhin daran fest, auch im kommenden Februar wieder als physisches Event vor Ort stattzufinden - ein ganzes Set von Hygiene-Regeln nach dem Modell Venedig soll dies ermöglichen. Das könnte vielleicht sogar gut gehen, meint Hanns-Georg Rodek in der Welt, wenn das Festival nicht die entscheidenden Fehler des vor vier Jahren von den Unternehmerbrüdern Sawiri gegründeten Filmfestivals in El-Guna im Roten Meer wiederholt - das hat sich unter ähnlichen Bedingungen nämlich dennoch mutmaßlich als Superspreading-Fiasko entpuppt: "Das verdankt es mit ziemlicher Sicherheit einer fatalen Fehlentscheidung im Vorfeld: Es sollte wie bisher gefeiert werden dürfen, 'soziale Interaktion' wurde kaum eingeschränkt." Hinzu kamen zahlreiche Empfänge und Veranstaltungen, wo mitunter der Gratis-Alkohol floss. "Im Netz wird den Sawiris vorgeworfen, für Profit und Ruhm eine zweite Welle des Virus in Kauf genommen zu haben."

Auf ZeitOnline nimmt es Wenke Husmann eher amüsiert zur Kenntnis, dass der britische Kulturminister Olive Dowden fordert, die vom britischen Königshaus erzählende Netflix-Serie "The Crown" möge doch mit einem Disclaimer vor jeder Episode offenlegen, dass Fiktion und Realität hier im Mischverhältnis daher kommen: "Die Frage ist, für wie dumm hält Dowden damit die Zuschauer? Die Angehörigen des Königshauses wirkten eigentlich immer schon auch in der medialen Berichterstattung - also in einer Form der Wiedergabe von Realität - längst so, als gäbe es sie nicht wirklich. Immer schon wirkten sie schöner, hässlicher, skandalöser als alle anderen und vor allem als die Realität. ... Die warnenden Worte Dowdens wirken da, als hätte er die vergangenen Jahre ausschließlich in seinem Büro verbracht."

Besprochen werden Steve McQueens auf Netflix veröffentlichte Film-Anthologie "Small Axe" (NZZ), Alan Balls "Uncle Frank" (Presse, mehr dazu hier) und die Serie "The Undoing" mit Nicole Kidman (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Beim neuen Miley-Cyrus-Album (unser Resümee) werden sich selbst ehemalige Spex-Chefredakteure nicht einig, ganz im Gegenteil: Es geht um Achtziger-Pop, von Blondie bis Billie Idol. "Die meisten dieser Referenzen bleiben jedoch leere Gesten", meint dazu Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: "Als wollte sie jedes Vorurteil über den aktuellen Zustand des Genres bestätigen, beschwört Cyrus ein Rock-'n'-Roll-Gefühl, das es schon vor zehn Jahren als T-Shirt-Aufdruck bei H&M zu kaufen gab." Derlei wurde häufiger schon über das Album gesagt, was Dietmar Dath in der FAZ zur Rettungsaktion treibt: "Achtziger? Wenn der Kinoregisseur Nicolas Winding Refn so etwas als Film macht und 'Drive' (2011) nennt, dann fallen allen Hipstern die Nüsse aus der Schale, aber bei Miley Cyrus kapieren sie's wieder nicht und hören nur 'Eklektizismus'."

Die seit längerem ziemlich angezählte E-Gitarre erlebt ein Comeback, beobachtet Jens-Christian Rabe (SZ). Nicht nur in den Charts, sondern auch für den Verkauf gilt das, vom Genre der Online-Tutorials auf Youtube ganz zu schweigen: "Der langsame, heimliche Tod sieht da eher wie das blühende Leben aus." Neben Tutorials schwärmt Rabe von Kanälen wie dem von Rick Beato, wo man "von Gitarrentechnik, Soundkunde, Songwriting, Akkord- und Harmonielehre und Gehörtraining über Zubehörtests aller Art und brillante Popsong-Analysen ('What makes this Song great') bis hin zu ganzen Videoserien zur Geschichte der Gitarre so ziemlich alles bekommen kann, was für ein amtliches Fernstudium des Instruments nötig ist." Völlig umgehauen ist Rabe allerdings vom Youtube-Kanal des Ladens Norman's Rare Guitars in Los Angeles, wo es um unbezahlbare Instrumente-Exemplare geht. Hier ein Schmuckstück aus den Fünfzigern:



Weitere Artikel: Neue Veröffentlichungen von von unter anderem Till Brönner, Christian Scott und Aquiles Navarro lassen ihn wieder an ein Comeback der Trompete im Jazz glauben, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Auf "Axiom", für Kreye eine der besten Jazzplatten des Jahres, spielt Christian Scott Miles Davis:



Besprochen wird ein ohne Live-Publikum ins Netz übertragenes Konzert der Dresdner Philharmoniker unter Marek Janowski (FAZ).
Archiv: Musik