Efeu - Die Kulturrundschau

Unter dem ästhetischen Radar

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2025. Die SZ trifft sich mit Michelangelo, Leonardo und Raffael in London zum Gipfeltreffen der Giganten. In der Jungle World erzählt der Autor Henryk Gericke, wie die DDR ihre Punks aus dem Straßenbild entfernte. Die Filmkritiker freuen sich über die Golden Globes für Jaques Audiards "Emilia Pérez" und Brady Corbets "Der Brutalist", auch weil sie als Gradmesser für den gesellschaftlichen Fortschritt dienen, wie der Tagesspiegel bemerkt. Der Tagesspiegel staunt außerdem, welche literarische Raketen der Kleinverlag Carcosa zündet. Die taz lernt im Berliner DAZ, wie man emanzipatorisch baut.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2025 finden Sie hier

Kunst

Bild: Leonardo da Vinci: The Virgin and Child with St Anne and the Infant St John the Baptist ('The Burlington House Cartoon'), c.1506-08

Ein solches "Gipfeltreffen der Giganten" kommt so schnell nicht wieder, jubelt Peter Richter in der SZ, nachdem er sich in der Royal Academy London selten ausgestellte Werke von Michelangelo, Raffael und Leonardo da Vinci ansehen durfte. Im Jahr 1504 trafen die drei Renaissance-Größen aufeinander, als eine Kommission beriet, wo Michelangelos gerade fertiggestellter "David" aufgestellt werden sollte. Zudem gerieten Leonardo und Michelangelo in direkte Konkurrenz, weil ein großes Wandgemälde für den neuen großen Ratssaal, die Sala del Gran Consiglio, geschaffen werden sollte. Es sind vor allem die Zeichnungen, die Richter faszinieren, darunter einige der zärtlichsten Mutter-und-Kind-Konstellationen: "Es gibt da etwa eine von Michelangelo, auf der die Jungfrau beim Stillen des Jesuskindes scheinbar verträumt zu einem muskulösen, nackten Jüngling herüberschaut, der sich, quergelegt, ebenfalls auf dem Blatt befindet, und dazwischen noch die Karikatur eines Kopfs, Typus augenrollender Kellner. Solche fast schon surrealistischen Zufallsbegegnungen sind eigentlich nur im Medium der Zeichnung möglich. Man sieht dabei auch, dass das Wort Studie wirklich von Studieren kommt."

Im Tagesspiegel gratuliert Nikolaus Bernau nicht nur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die nun zwölf Millionen Euro mehr Förderung erhalten, sondern auch Hermann Parzinger, Claudia Roth und Vorgängerin Monika Grütters, die daran arbeiteten die  Finanzblockade der Länder zu durchbrechen. Dass die Länder insgesamt nur drei Millionen Euro beisteuern, findet Bernau dann allerdings doch ziemlich knauserig: "Selbst wenn man Berlin nicht mitzählt, das als Sitzland der Stiftung mehr zahlt, sind die drei Millionen 200.000 Euro pro Land. Die Staatskanzleien dürften höhere Portokosten haben."

Weitere Artikel: Die Welt wirft einen Blick auf die sehenswertesten Ausstellungen im Jahr 2025, darunter Wolfgang Tillmans im Dresdner Albertinum und Lygia Clark in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Auch die Berliner Zeitung schaut auf die besten Ausstellungen 2025. Für die FAZ besucht Georg Imdahl die Malerin Nicole Eisenmann in ihrem New Yorker Atelier.

Besprochen werden die Rachel Ruysch-Ausstellung "Nature into Art" in der Alten Pinakothek München (NZZ, mehr hier), die Steve Bishop-Ausstellung "On the Streets Where You Live" in der Kunsthalle Osnabrück (taz) und die Ausstellung "My House is on Fire" im Oldenburger Horst-Janssen-Museum, die Janssen Werken von David Lynch gegenüberstellt (taz, mehr hier).
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Film

Adrien Brody, ausgezeichnet als "bester Hauptdarsteller", in "Der Brutalist"

Jaques Audiards "Emilia Pérez", ein Musical über eine Transfrau (unsere Kritik), und Brady Corbets "Der Brutalist", ein dreistündiges, im VistaVision-Verfahren gedrehtes Drama über die Flucht des Architekten László Tóth vor den Nazis in die USA (unser Resümee vom Filmfest Venedig) sind die beiden Sieger der Golden Globes. Gewürdigt wurden damit die "die zwei herausragenden Filme des vergangenen Jahres", die "aber auch sinnbildlich für die Kluft in der amerikanischen Filmbranche stehen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Emilia Perez" landet in den USA direkt auf Netflix, "Der Brutalist" kommt althergebracht in die Kinos. Es "sind Filme, die in der heutigen Produktionslandschaft eher eine Anomalie darstellen." Diese Auszeichnungen sind "ein gutes Zeichen für das Kino. Auch als Gradmesser für den gesellschaftlichen Fortschritt." Viel Aufmerksamkeit zog auch Demi Moores Dankesrede auf sich, die für ihre Rolle in dem Body-Horror-Film "The Substance" (unsere Kritik) als beste Hauptdarstellerin in einer Komödie ausgezeichnet wurde und sich damit nun endlich als seriöse Schauspielerin gewürdigt sieht. Weitere Resümees in der Presse, auf Zeit Online und in der SZ.

Besprochen werden die Netflix-Serienadaption von Gabriel García Marquez' Romanklassiker "Hundert Jahre Einsamkeit" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Tim Fehlbaums Journalistenthriller "September 5" über das Münchner Olympia-Attentat von 1972 (NZZ, mehr dazu bereits hier), Robert Eggers' "Nosferatu"-Remake (Welt, unsere Kritik), Daniel Hoesls und Julia Niemanns Reichensatire "Veni Vidi Vici" (Tsp) und die zweite Staffel der ZDF-Serie "Der Palast" (FAZ).
Archiv: Film

Architektur

Wie feministische Architektur- und Stadtplanung aussehen kann, erfährt Beate Scheder (taz) in der Ausstellung "Dessauer Straße und andere Geschichten vom emanzipatorischen Wohnungsbau" im Berliner DAZ, die ihr Einblicke in den für die Internationale Bauausstellung 1984/87 geplanten und 1993 fertiggestellten Block 2 gibt, eines der Neubauprojekte der IBA: "Als Architektinnen beteiligt waren Zaha Hadid, Myra Warhaftig und Christine Jachmann sowie Landschaftsarchitektin Hannelore Kossel. Myra Wahrhaftig orientierte die Grundrisse flurloser Wohnungen rund um eine zentrale 'Wohn-Raum-Küche'. Christine Jachmann setzte auf helle, gleichwertige Räume mit einem atriumähnlichen 'Grünen Zimmer' für mehr Luft und Licht in der Mitte. Zaha Hadid konzipierte hinter keilförmiger Fassade barrierefreie Wohnungen, zugänglich mittels eines vom Hof aus sichtbaren Aufzugsturms. Hannelore Kossel entwarf kinderfreundliche Innenhöfe als Kommunikationsräume."

Weitere Artikel: Für die FAZ besucht Ulf Meyer das von dem Berliner Architekten Volker Staab entworfene Seminarzentrum für das Haus der Wannseekonferenz in Berlin.
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Stichwörter: Wohnungsbau, Stadtplanung

Literatur

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Maximilian Mengeringhaus hat für den Tagesspiegel im brandenburgischen Wittenberge den überaus engagierten Kleinverlag Carcosa des Übersetzers Hans Riffel besucht, der sich mit viel Leidenschaft übersehenen Klassikern der Phantastik widmet und damit zeigt, "was für literarische Raketen in diesen fernen Gefilden weiterhin unter dem ästhetischen Radar fliegen" - etwa in Form zweier "schier wahnwitziger Großprojekte", namentlich Ursula K. Le Guins "Immer nach Hause" und Alan Moores Behemoth-Roman "Jerusalem". Von letzterem "beträgt die erste Auflage stattliche 4000 Exemplare, dafür braucht man Courage, aber 'bei dem Buch geht's nicht anders'. Immerhin reden wir von Alan Moore: 'Der erfolgreichste und beste Comicautor der Welt. Der eine riesige Leserschaft hat. Entweder scheitern wir an dem Buch oder finanzieren damit die nächsten drei Programme. Das ist die Flughöhe dieses Werkes. Aber ich muss doch von einem Alan Moore mindestens 2000 verkaufen!'"

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Liv Strömquists neuer Comic "Das Orakel spricht" handelt von den Versprechungen der Selbstoptimierungsindustrie. An sich zu arbeiten findet sie dabei überhaupt nicht verwerflich, sagt die Comiczeichnerin im taz-Gespräch gegenüber Ilo Toerkell. Aber "wir sollten diese Themen nicht individualisieren und depolitisieren. Wenn das passiert, wird die Verantwortung für strukturelle Probleme auf Individuen übertragen - eine sehr effiziente Strategie, um Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel werden für Stressbewältigung oft Ratschläge gegeben wie Meditation oder Spaziergänge, aber selten wird über politische Lösungen wie kürzere Arbeitstage, Grundeinkommen oder die Verringerung von Einkommensungleichheit gesprochen. Der Fokus auf individuelle Lösungen lenkt von der Notwendigkeit struktureller Veränderungen ab."

Weitere Artikel: Die Presse kündigt an, welcher Autorinnen und Autoren sie im neuen Jahr anlässlich von Geburts- und Todestagen zu gedenken gedenkt. Heribert Prantl schreibt in der SZ zum Tod des Verlegers Hans Dieter Beck.

Besprochen werden Wolf Haas' "Wackelkontakt" (NZZ, FAZ), Walburga Hülks Biografie über Victor Hugo (online nachgereicht von der Welt, SZ), Alexander Kluges und Anselm Kiefers Gesprächsband "Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben" (taz), Ulla Lenzes "Das Wohlbefinden" (taz), Ottmar Ettes "Mein Name sei Amo" (Tell), Paula Hawkins' "Die blaue Stunde" (FR), Hua Hsus Memoir "Stay true" (Standard), Thomas Strässles "Fluchtnovelle" (FR) und Petra Reskis "All'italiana" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Die Frage nach dem Für und Wider von Theatersubventionen plagte schon Goethe, erinnert Jakob Hayner, der in der Welt die Geschichte des Subventionstheaters erzählt: "Mancher Hof gibt bis zu zehn Prozent für Kultur aus, weit mehr als fürs Militär. Das Bürgertum will mitziehen und dem Adel kulturell Konkurrenz machen, nur ist der Markt unsicherer als die Launen eines Fürsten. (…) Ein neues Konzept wird erst nach Goethes Tod erprobt, als 1839 mit Mannheim erstmals eine Stadt ein Theater übernimmt, mit allen finanziellen Risiken. Ein großer Schritt: Auch Städte, nicht nur Höfe, sichern die Kunst - und die Künstler. Als 1869 die Gewerbefreiheit für Theater kommt, folgt ein Boom von Theatergründungen und -neubauten, wie Jennifer Achten-Gozdowski in der wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation 'Geschichte und Politökonomie deutscher Theatersubventionen' von 2018 zeigt. Viele dieser Start-ups halten sich nur wenige Spielzeiten, Direktoren brennen mit der Kasse durch und lassen verelendete Künstler auf ausbleibenden Gagen sitzen. Eine Herausforderung für die Kommunen."

Weitere Artikel: Susanne Kennedy ist wohl die einflussreichste Regiefrau der letzten zehn Jahre, notiert nachtkritiker Janis El-Bira mit Blick darauf, wie Kennedy eine ganze Generation von Theatermacherinnen geprägt hat. Im Tagesspiegel seufzt Frederik Hanssen: Mit der für Juni 2025 geplanten Inszenierung des Musicals "Mein Freund Bunbury" von Max Hopp nach dem Oscar-Wilde-Klassiker "The Importance of Being Earnest" wird aufgrund der Kürzungen durch den Senat ausgerechnet die aufregendste Neuproduktion der Komischen Oper gestrichen. Das Berliner Ensemble benennt seinen Innenhof nach Helene Weigel, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung.

Besprochen wird Klaus Gehres Inszenierung von "Interstellar. Zwischen den Sternen" nach Christopher Nolan am Staatstheater Darmstadt (FR).
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Musik

Pascal Beck spricht für die Jungle World mit dem Autor Henryk Gericke über Punk in der DDR. Mehr als jede andere Jugendbewegung war diese in der DDR erheblichen Repressionen ausgesetzt. Dabei war die Bewegung zu Beginn nicht einmal sonderlich politisch: "Politisiert wurden wir, weil wir kriminalisiert wurden, und nicht andersherum. Zunächst einmal war Punk in der DDR Popkultur. Darüber wird kaum gesprochen. Wenn man über Punk in der DDR redet, wird fast reflexhaft mit der Repressionsgeschichte eingesetzt." Die Repression stieg "'81 bis '83, da wurden viele volljährig und die haben sie sofort zum Wehrdienst eingezogen. Normalerweise war es so: Wenn man unliebsam war und aufgefallen ist, wurde man zunächst zurückgestellt - und erst eingezogen, sobald man eine Familie hatte, weil es dann besonders wehtat. Bei den Punks war es anders. Die wollten sie aus dem Straßenbild haben." Bereits 2020 sprach Gericke ausführlich mit Dlf Kultur zum Thema.

Weitere Artikel: Marc Zitzmann blickt für die FAZ auf die zahlreichen Aktivitäten rund um Pierre Boulez' 100. Geburtstag, den der 2016 verstorbene Komponist im März gefeiert hätte. Diverse Pop- und Rockstars werden 2025 80 Jahre alt, bemerkt Ronald Pohl vom Standard. Besprochen wird eine Netflix-Doku über Avicii (Presse).
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