Efeu - Die Kulturrundschau

Unter Freunden nicht Usance

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22.05.2021. Tagesspiegel und FAZ feiern in der Berliner Gemäldegalerie den Aufbruch mit spätgotischen Fliegen und Fratzen. Der Guardian häutet in London mit Matthew Barney einen Wolf im Schnee. Dass Peter Handke seit über einem Jahr nichts von seiner Auszeichnung in Serbien gewusst haben will, hält die FAZ für ziemlich erstaunlich. Mit Blick auf die Instagram-Serie über die letzten Monate Sophie Scholls fragt der Freitag: Wäre Instagram von den Nazis nicht eher als Mittel der Faschisierung eingesetzt worden? Die Zeitungen senden giftige Glückwünsche zum Achtzigsten von Bob Dylan, dem Großvater der Wokisten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Meister der Karlsruher Passion, Tafeln eines Passionsaltars, Straßburg um 1450, Detail © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Wolfgang Pankoke 

Pralle Aufbruchsstimmung verspürt Nicola Kuhn (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit" in der Gemäldegalerie, die nun endlich eröffnen kann und anhand spätgotischer Werke zeigt, "auf welchen Bildstrategien unsere Sehgewohnheiten fußen und woher der Schattenwurf, das Porträt, die Landschaftsmalerei kommen." Denn: "Ein neuer Realitätssinn hat in die Malerei Eingang gefunden. Das geht so weit, dass auf dem schrundigen Kopf eines Folterers, der mehrfach im Karlsruher Passionszyklus um 1450 auftaucht, eine Fliege sitzt, die sich nicht vom Fleck wegbewegt - ein Trompe l'oeil und Ausweis der Meisterschaft von Hans Hirtz, der als Maler vermutet wird. Und er setzt noch eins drauf: Bei der Gefangennahme Christi spiegelt sich die Fratze eines Peinigers im Panzer seines Vordermanns."

"Atemnehmend" nennt auch Stefan Trinks in der FAZ die Ausstellung, an der fünf Berliner Museen beteiligt sind und die "alles aufbietet, was auch in spätgotischen Kirchen, die eben durch das erstarkte Bürgertum nun in kürzerer Zeit aus einem Guss entstanden und so kein Stilpotpourri von Jahrhunderten mehr aufwiesen, zu finden wäre: Gattungen wie juwelenhafte Glasmalerei, lebensnahe Steinfiguren, Reliquiare und Altargeräte der in der Spätgotik aufblühenden Goldschmiedekunst, die Malerei der Flügelaltäre, die im Zentrum oft eine Skulptur hatten, die zeichnerischen Vorarbeiten für all das."

So verwirrend wie faszinierend erscheinen Adrian Searle im Guardian die "flüchtigen, launischen" Bilder, die er in Matthew Barneys Schau "Redoubt" in der Londoner Hayward Gallery zu sehen bekommt.  Das Herzstück der Ausstellung ist neben geätzten Reliefkupferplatten ein Spielfilm, der inspiriert ist von Ovids Mythos von Diana und Actaeon: "Es gibt Berglöwen, Stachelschweine und Bären in den Wäldern, und Wölfe, die durch den Schnee stapfen, aber die größten Raubtiere hier sind Menschen. Diana mit ihrem Sturmgewehr und ihren Bögen und Nachtsichtbrillen, Barney mit seinem Gewehr, seinem Messer und seinem Stichel. Er erschießt einen Puma in einem Baum, häutet einen Wolf, den Diana erlegt hat (uns wird gesagt, dass im Film keine lebenden Tiere zu Schaden gekommen sind). Wenn Diana den Graveur verfolgt, verfolgt er auch sie, graviert immer wieder ihr Bild, in ihre Tarnmuster gehüllt und von Ästen umhergewirbelt. Einmal schießt sie auf seine Kupferplatte, wobei der Aufprall eine eigene Art von Zeichnung macht. Ein weiterer Schuss beißt sich in das Metall."



Außerdem: Die Zeit hat Heinz Peter Schwerfels Kritik der großen Anne-Imhof-Schau im Pariser Palais de Tokyo online gestellt. Für die taz macht Jana Janika Bach einen Rundgang zu verschiedenen Kunstwerken in Parks und an öffentlichen Plätzen in Berlin, Frankfurt und im Ruhrgebiet. Ebenfalls in der taz rät Alexander Diehl dazu, noch am letzten Wochenende die Ausstellung "Giorgio de Chirico. Magische Wirklichkeit" in der Hamburger Kunsthalle zu besuchen.
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Literatur

Ziemlich bissig reagiert Michael Martens in der FAZ auf Peter Handkes Brief, der ihm in Bezug auf seine Serbientour journalistisch unsauberes Arbeiten vorgeworfen und beteuert hat, vom Preisregen, der in Serbien auf ihn gewartet hat, aber nun wirklich nichts gewusst zu haben, vielmehr sogar "hinterrücks" (Martens) ausgezeichnet worden zu sein (unser Resümee). Diese Ahnungslosigkeit hält Martens für "bemerkenswert. Auch deshalb, weil die Zeremonie in Belgrad nur ein nachholender Akt war - formal war der Orden Handke bereits vor mehr als einem Jahr verliehen worden, wenn auch pandemiebedingt in dessen Abwesenheit. Darüber berichteten unter anderem die Deutsche Presse-Agentur, die Süddeutsche Zeitung und die F.A.Z. Deshalb wird man Serbiens Präsidenten eine Rüge nicht ersparen können: Dass er und sein Apparat Handke die Ehrung bis zuletzt verheimlicht haben, ihn also im vergangenen Jahr von der Verleihung nicht in Kenntnis gesetzt und den Schriftsteller nun offenbar unter irgendeinem Vorwand in den Belgrader Präsidentenpalast gelockt haben, um dort mit einem Orden über den Ahnungslosen herzufallen, sollte unter Freunden nicht Usance sein."

Weitere Artikel: Für den Dlf Kultur plauscht Wiebke Porombka mit Christian Kracht über dessen für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman "Eurotrash". In der NZZ denkt Fabian Schwitter darüber nach, ob der freie Vers, der das Gedicht einst freigesetzt hat, heute nicht in eine Sackgasse geführt hat. Wolfgang Matz liest für die NZZ Prousts Blätter mit bislang unbekannten Erzählungen, die als Vorstudie seiner "Recherche" gelten. Marc Reichwein erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" daran, wie Irmgard Keun sich mal mit der Gestapo anlegte. Schriftstellerin Judith Schalansky denkt in der FAZ über Blei nach, das, bevor Gutenberg Lettern daraus goss und den modernen Buchdruck erfand, ganz anderen Zwecken dienen sollte.

Besprochen werden unter anderem Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. An Fenster trete" (taz), Mathias Énards "Das Jahresbankett der Totengräber" (Tagesspiegel), eine Neuausgabe von Elizabeth Taylors Roman "Mrs Palfrey im Claremont" von 1971 (FR), Christoph Heins "Guldenberg" (Freitag), Riad Sattoufs fünfbändiger Comic "Der Araber von morgen" (taz), Leïla Slimanis "Das Land der Anderen" (SZ) und Tom F. Langes "Petronica. Die ganze Welt treibt Schauspiel" (FAZ).
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Film

"Sophie Scholl zwischen Kosmetik-Influencern" - Georg Seeßlen meldet im Freitag Zweifel an, ob die in Echtzeit erzählte, von SWR und BR produzierte Instagram-Serie über die letzten Monate Sophie Scholls wirklich eine gute Idee ist: Denn diese Sophie Scholl lebe "in merkwürdigen Anachronismen. Wenn sie tatsächlich ein Medium wie Instagram zur Verfügung gehabt hätte (sie antwortet ja artig), warum sollte sie dann Flugblätter verteilen? Die Metafrage dahinter: Hätte ein Medium wie Instagram die Nazis verhindern können oder wäre es vielmehr, wie die zeitgenössischen Medien auch, als Mittel der Faschisierung eingesetzt worden? Die Instagram-Sophie agiert, paradox genug, was die heutige Situation anbelangt, offenbar in einem Safe Space. ... All diese Widersprüche sind nur auszuhalten, wenn man sich nicht nur auf ein Spiel der Intimisierung, des Anachronismus und der Subjektivierung einlässt, sondern auch auf eines der Infantilisierung. Um mit der Instagram-Sophie kämpfen und leiden zu können, müssen etliche Mechanismen der kritischen Rezeption ausgeschaltet werden."    
  
Außerdem: Angesichts anstehender und zum Teil schon erfolgter Kinoöffnungen (etwa in Bayern) wünschen sich die Kinos von der Politik eine klare Exitstrategie, berichtet Andreas Hartmann in der taz. Tig Notaro spricht in der taz über ihren Auftritt in Zack Snyders (in FAZ und Welt besprochenen) Netflix-Zombiefilm "Army of the Dead". Susanne Lang führt in der taz ein Gespräch mit dem dänischen Schauspieler Dar Salim, der erstmals beim "Tatort" mitspielt.

Besprochen werden Joe Wrights "The Woman in the Window" (FR) sowie ein Foto- und Gesprächsband zur Entstehung von Martin Scorseses "Raging Bull" (SZ).
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Archiv: Film

Bühne

Das Publikum buhte, Stefan Ender belässt es im Standard lieber bei einer kurzen Kritik von Frank Castorfs Inszenierung von Gounots "Faust" an der Wiener Staatsoper: "Castorf hatte sich fallweise als amusischer Opernregisseur entpuppt. Der 69-Jährige ließ Faust und Marguerite im Kabäuschen vor Livekameras kopulieren, als die Erregungskurve der Musik längst erschlafft war. Auch der Versuch, in der Figur der Marguerite Unschuld mit Bordsteinschwalbe zu paaren, ging eher in die Hose. Die Drehbühne war mit einem klischeemalerisch gezeichneten Patchwork-Paris und reichlich Realo-Trash vollgekrempelt, ein bisschen Kolonialismus- und Kapitalismuskritik fand dabei auch noch Platz."

Außerdem: Die Klicks betreffend brach das diesjährige, zum zweiten Mal digital stattfindenden Berliner Theatertreffen alle Rekorde, weiß Daniele Muscionico in der NZZ und zieht dennoch eine bittere Bilanz: "Gestreamtes Theater, da ist man sich einig, ist keinesfalls Netz-Theater oder gar digitale Kunst - sondern erst der Anfang einer Suche, wie eine urkörperliche Erfahrung in eine körperlose übersetzt werden könnte. In der Simulation von Nähe und räumlicher Gemeinschaft im Netz ist das Theater allerdings noch eine blutige Anfängerin." Viele Ballerinen haben während der Pandemie ein Kind bekommen, meldet Dorion Weickmann in der SZ. Leicht vereinbar mit der Tanzkarriere ist das auch heute nicht, aber immerhin gilt nicht die Direktive des Gründers des New York City Ballet, George Balanchine: "Keine Babys, keine Ehemänner, keine Freunde", so Weickmann. Das "Pilotprojekt Testing" der Berliner Kulturverwaltung zur Wiedereröffnung der Bühnen wird fortgesetzt, freut sich Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Ebenfalls im Tagesspiegel porträtiert Sandra Luzina die im Rollstuhl sitzende, derzeit mit den Stück "Scores that shaped our friendship" beim Berliner Theatertreffen zu sehende Performerin Lucy Wilke.

Besprochen wird Benjamin Meyers Stück "Forecast", das in fünf Episoden in der Volksbühne digital gesehen werden kann (taz) und Barry Koskys Inszenierung von Nikolai Rimski-Korsakows Oper "Der Goldene Hahn" an der Oper Lyon (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Am Montag wird Bob Dylan 80 und weil am Montag wegen Feiertag keine Zeitungen erscheinen, gratulieren sie schon heute: "Der 22-jährige Dylan war bereits woke, als die Großeltern der heutigen Wokisten noch an das Evangelium vom Wohlstand für alle bei maximalem Hubraum glaubten", schreibt Willi Winkler, der Dylans vielfache Häutungen und Neuerfindungen nachzeichnet: Erst klampfte er gegen die Unbill der Welt an, doch "über Nacht war er ein Rock 'n' Roller geworden. Und es wurde noch schlimmer: Er ging nach Nashville, er wurde Zionist und wiedergeborener Christ, er umgab sich mit Gospelgejammere und missionierte von der Bühne herab, und dann trat er auch noch vor dem Papst auf und machte am nächsten Tag Werbung für die Unterwäsche von Victoria's Secret, vom präsenilen Sinatrismus der letzten Jahre ganz zu schweigen. ... Wenn, wie Gottfried Benn meinte, auch der beste Dichter nicht mehr als fünf gute Gedichte in seinem Schreibleben zustande bringt, dann hatte Dylan bereits 1966 ausgesorgt. Damit begnügte er sich aber nicht: Wer Ohren hat zu hören, der hört, wie er sich immer wieder befreit."



Noch ein bisschen kritischer sieht Edo Reents in der FAZ den Mythos Dylan und zwar nicht nur, weil Bob Dylan in jungen wie in jüngeren Jahren immer mal wieder dummes Zeug gefaselt habe und auch seine Songs nicht immer der wahre Jakob sind: Sie sind, "man muss das einmal in aller Deutlichkeit sagen, halb geklaut und halb gefunden. ... Seine Texte sind, um das Mindeste zu sagen, äußerst knifflig. Einmal wurde er gefragt, was er tun würde, wenn er amerikanischer Präsident wäre: die Nationalhymne abschaffen und die Kinder statt ihrer "Desolation Row", seinen eigenen Song von 1965, auswendig lernen lassen. Dabei müsste Dylan doch wissen, dass Kindesmisshandlung verboten ist." Alles in allem wünscht sich Reents: "weniger Respekt, aber mehr Liebe für Bob Dylan".

Wirklich schön singt Dylan ja nicht. Aber trotzdem hat sie eine ganz eigene, magische Attraktivität, schreibt Ueli Bernays in der NZZ: "Sie scheint die Authentizität und das Gewicht des Ausdrucks zu beglaubigen. So irritiert es die echten Bob-Dylan-Fans kaum, dass die vokalen Nebengeräusche, der velare und gutturale Lärm in der Gesangskunst ihres Idols im Alter zugenommen haben: Die Kröten krächzen öfter im Hals. Dann wiederum raspelt und schnaubt die Stimme wie eine müde Dampflokomotive."

In der FR führen Frank Junghänel und Harry Nutt in zehn Songs durchs Dylansche Werk. Julian Weber erklärt uns in der taz, welche Bücher über Bob Dylan aus der aktuellen Publikationsoffensive wirklich lesenswert sind (wobei er, wenn "auch noch Stefan 'Pilotenhemd' Aust über Dylan schreiben muss" durchaus "Reißaus nehmen" möchte). Im Dlf Kultur gratuliert Klaus Walter mit einer 30-minütigen Hommage zum Nachhören.

Außerdem: Für The Quietus spricht Alastair Shuttleworth mit Gary Numan und Ade Fenton über ihre musikalische Zusammenarbeit. Johanna Montanari porträtiert im Freitag den Rapper Fedez, der homofeindliche Äußerungen italienischer Politiker publik macht. Ueli Bernays (NZZ) und Laf Überland (Dlf Kultur) erinnern an Marvin Gayes vor 50 Jahren veröffentlichten Soul-Meilenstein "What's Going On", den wir uns an diesem verregneten Samstagmorgen auch sehr gerne anhören:



Besprochen werden das neue Album von Jan Delay (ZeitOnline) sowie neue Alben von Ja Panik und International Music (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Dylan, Bob

Architektur

Nicht alle der aus Mondfelsen, Biotechnologie und Vogelkästen zusammengesetzten Visionen überzeugen den Guardian-Kritiker Oliver Wainwright auf der 17. Architekturbiennale in Venedig, ein paar Lichtblicke findet er aber doch: "Die palästinensisch-italienische Gruppe DAAR präsentiert einen provokanten Film über ihren Versuch, das Flüchtlingslager Dheisheh als Unesco-Weltkulturerbe anzuerkennen. Das Lager, das südlich von Bethlehem im Westjordanland liegt, wurde 1949 für 3.000 Menschen errichtet und beherbergt heute etwa 15.000 Menschen mit einer aktiven Zivilgesellschaft. Sie erforschen die Idee des 'staatenlosen Erbes' und stellen die Frage, wer das Recht hat, Stätten zu benennen, was eine solche Benennung für das legale Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr bedeuten würde und wie man das Erbe einer Kultur im Exil wertschätzen kann. Die jüngsten Ereignisse machen ihre jahrzehntelange Arbeit noch spannender." Weitere Besprechungen der Biennale in der taz, im Standard und im Monopol-Magazin.
Archiv: Architektur