Efeu - Die Kulturrundschau

Im Vorbeigehen gesetzte Killerpointen

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05.12.2020. Die NZZ sucht ihre innere Balance in einer Ausstellung über die Welt der Buddhas. Was ist, wenn Corona aus ist und keiner geht mehr ins Theater, fragt der Standard. Der Freitag erzählt die Geschichte eines Theaterstücks, das ein hoffnungsfroher Michail Bulgakow 1939 zum 60. Geburtstag Stalins schrieb. Die SZ legt uns Jamaica Kincaids süß duftende Romane ans Herz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2020 finden Sie hier

Literatur

Schon jetzt darf man sich aufs nächste Jahr freuen, denn dann will der Kampa Verlag Jamaica Kincaids (vorerst nur als Ebook vorliegende) Texte neu auflegen, schreibt Johanna Adorján in der SZ. Die 1949 in Antigua geborene Autorin schrieb für Teenie-Magazine, war ein Mannequin, arbeitete bei Magnum, schrieb für den New Yorker und beweist auf Youtube mit ihren "wie im Vorbeigehen gesetzten Killerpointen" auch noch echte Comedian-Qualitäten. Ihre bislang fünf Romane legt uns Adorján wärmstens ans Herz: Sie "handeln von Mädchen, die in ärmliche Verhältnisse in einem tropischen Land hineingeboren werden und sich hinauskämpfen - wie sie. ... Ihre Heldinnen sind keine Opfer. Ihre Sprache ist fast mündlich direkt und bekommt durch Rhythmik und Repetitionen etwas Beschwörendes, eine fast biblische Kraft. Mit einfachen Worten erzielt sie die Wirkung eines Chorals. Es gibt übersinnliche Vorkommnisse, die Luft ist feucht, gegen Abend duftet es in ihren Texten süß nach den sich für die Nacht schließenden Blüten der Tropen."

In der Literarischen Welt hält Henryk M. Broder Maxim Billers "Suada" (unser Resümee) gegen Lisa Eckharts Auftritt beim "Literarischen Quartett" für eine "grobe Anmaßung und groteske Selbstüberschätzung". Deren Kabarettprogramm habe der Schriftsteller "offenbar gesehen, aber offensichtlich nicht verstanden". Schmunzeln muss Broder, wenn Biller schreibt, sich um Marcel Reich-Ranickis Erbe zu sorgen: Diese Sorge gelte "mitnichten" MRR und dessen Erbe, sondern "Biller geht es um Biller", der bekanntlich selbst zwei Jahre lang im Literarischen Quartett saß: "Und nun sitzt sie da, wo er mal saß, eine Unwürdige und lässt uns ihr 'grimmiges Lebensborngesicht' schauen."

Im Tagesspiegel nimmt Gerrit Bartels Billers "lange Zornesrede" verwundert zum Anlass einmal darüber nachzudenken, warum es diese Sendung eigentlich noch gibt: "Nicht einmal von einem Mindestmaß an Relevanz kann die Rede sein. Literaturkritik findet im Quartett nicht mehr statt." Marc Reichwein fasst die aktuelle Sendung in der Welt zusammen. Die darin besprochenen Bücher finden Sie auf unserem Büchertisch.

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings freut sich in der Literarischen Welt darüber, dass die "Library of America" insgesamt vier Westernromane aus den 40ern und 50ern in ihren Kanon aufgenommen hat. Arno Widmann (FR) und Tobias Sedlmaier (NZZ) schreiben über Alexandre Dumas - der Schriftsteller ist vor 150 Jahren gestorben. In einer "Langen Nacht" für Dlf Kultur widmet sich Manfred Bauschulte William und Henry James. Jens Uthoff erinnert in der Literarischen Welt an die Schriftstellerin Clarice Lispector, die vor 100 Jahren geboren wurde. Außerdem empfiehlt uns Katharina Teutsch in der FAZ die literarischen Reportagen von Milena Jesenská, Gabriele Tergit und Helen Wolff, mit denen sich die Schriftstellerinnen im Betrieb einen ersten Namen machten.

Außerdem viel Lesestoff für das Wochenende: Eine neue Ausgabe des CrimeMag ist erschienen - hier das Editorial mit allen Hinweisen zu den Artikeln, Rezensionen und Empfehlungen.

Besprochen werden unter anderem Michel Houellebecqs Essayband "Ein bisschen schlechter" (taz), Bücher von Edem Amuwey (Intellectures), Ronya Othmanns "Die Sommer" (Standard), Martin Suters und Benjamin von Stuckrad-Barres Gesprächsband "Alles ist so ernst geworden" (Tagesspiegel, SZ), Durs Grünbeins in Oxford gehaltene Vorlesung "Jenseits der Literatur" (SZ), die deutsche Erstveröffentlichung von Wyndham Lewis' bereits in den 30ern erschienenem Roman "Die Affen Gottes" (FAZ) und Monika Marons Erzählung "Bonnie Propeller" (Literarische Welt).
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Kunst

Buddha-Bildnis von der Ausstellungsseite


In der NZZ überlegt Philipp Meier anlässlich der Ausstellung "Die Welt der Buddhas" im Basler Museum der Kulturen, warum diese eine so große Ausstrahlungskraft auch im Westen haben: "Es ist dieses so souverän wirkende und ausgesprochen schöne, weil von allen Sorgenfalten befreite und geglättete Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, das bei jedem Augenschein seine Betrachter unmittelbar in eine innere Balance versetzt." Dabei ist die Aussicht aufs Nirwana nicht sehr amüsant, lernt Meier. "Die Erleuchtung jedenfalls, die noch jeder Gelegenheits-Buddhist auf seiner Bastmatte aus dem Ethno-Shop erlangen kann, besteht in der ernüchternden Erkenntnis, dass es ein Heil im Jenseits oder in ferner Zukunft nicht gibt. Das Satori findet im Hier und Jetzt statt. Daher der paradoxe buddhistische Sinnspruch: 'Triffst du Buddha unterwegs, töte ihn!' Zu Deutsch: Vergiss die Verheißungen falscher Buddha-Bilder, arbeite an dir selber."

In Sankt Petersburg hat mit deutscher Hilfe die dritte Ausstellung mit Beutekunst aus Deutschland eröffnet, berichten Silke Bigalke und Sonja Zekri in der SZ. Da kann man schon leichtes Bauchweh bekommen: "Man kann sie aber auch mit den Augen der Wissenschaft betrachten, und dann verschiebt sich einiges. Anton Gass ist Archäologe im Museum für Vor- und Frühgeschichte, aus dem die meisten Beutekunst-Objekte der 'Eisenzeit'-Schau stammen. Er sieht vor allem Möglichkeiten: den Zugriff auf Objekte, deren Verbleib jahrzehntelang nur einer Handvoll sowjetischer Experten bekannt war und nicht gezeigt oder erforscht wurden. Sich der gemeinsamen 'Eisenzeit'-Ausstellung zu verweigern, sagt Gass, das wäre, 'als würden wir unsere eigene Geschichte vernichten'." Und vielleicht ändert sich ja jetzt etwas nach dem Tod der unnachgiebigen Irina Antonowa, hoffen die beiden Autorinnen. Vor allem, wenn die Bundesregierung 2021, 80 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion, die Opfer dieses Überfalls angemessen würdigt. "2021 könnte das Jahr großer Gesten werden. Wenn Deutschland es will."

Weitere Artikel: Im Standard berichtet Katharina Rustler, wie die österreichischen Museen mit digitalen Führungen durch ihre Sammlungen und Ausstellungen oder durch virtuelle Kunstsalons ihr Publikum zurückgewinnen. In der taz stellt Bettina Maria Brosowsky Adam Budak vor, den neuen Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Und Tal Sterngast betrachtet für seine taz-Kolumne in der Berliner Gemäldegalerie Jan van Eycks "Madonna in der Kirche".
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Stichwörter: Beutekunst

Bühne

Im Standard ermuntert Uwe Mattheiß die Theater nachzudenken, was nach der Pandemie wird. Denn dass die Menschen einfach zurück in die Theater kommen werden, ist für ihn längst nicht ausgemacht. "Moderne Gesellschaften basieren auf einem Vertrauensverhältnis, das über konkrete Erfahrung hinausgeht. Das setzt die Geltung eines weitgehend befriedeten öffentlichen Raums voraus, in dem Körper einander gefahrlos begegnen können. Das Virus hat diese - öffentliche - Sicherheit nachhaltig beeinträchtigt: Dein Körper kann mein Feind sein, ohne dass du oder ich davon wissen. Diese Erfahrung erfordert es, Distanzen, Territorien und das Konzept des öffentlichen Raums einmal mehr und immer wieder neu auszuhandeln. Das könnte Aufgabe und gesellschaftlicher Ort für ein kommendes Theater sein. Es hat zweieinhalb Jahrtausende Expertise für versammelte Körper. Publikum und Vortragende kehren der realen Gesellschaft gemeinsam den Rücken, um im Durchspielen von Handlungsmodellen etwas über diese zu erfahren. Es tut gut daran, darüber nachzudenken, in welchen Konfigurationen sich Körper weiterhin versammeln können."

Im Freitag erzählt Karsten Laske die Geschichte eines Theaterstücks, das Michail Bulgakow 1939 voller Hoffnung zum 60. Geburtstag Stalins schrieb. Es beginnt ganz hoffnungsvoll: "Bulgakow schreibt die Sache schnell. Und alle sind begeistert. 'Höchst reizvoll' sei der Held gestaltet. Auch die Zensurbehörde hat ausnahmsweise nichts zu meckern und reicht den Text 'nach oben'. Im Juli 1939 findet eine Lesung vor der Parteiversammlung des MChAT statt. Standing Ovations. Bulgakows Frau Jelena Sergejewna, die in jeder Lebenslage zu ihrem Mann hält, findet 'alle Personen so lebendig' und notiert in ihr Tagebuch: 'Gott gebe, dass es ein Erfolg wird!' Das Paar schickt dem Theater schon mal eine Liste, wo es wen der Freunde zur Premiere gern im Saal platziert sähe. Endlich! Nach so vielen Jahren würde der Erfolg sich einstellen, durchschlagend, unwiderruflich." Der kapriziöse Führer entschied dann aber anders.

Weitere Artikel: Ute Schalz-Laurenze unterhält sich für die nmz mit dem Sänger Patrick Zielke, der in diesem Jahr mit dem "Faust"-Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Lars Eidinger wird nächsten Sommer in Salzburg den Jedermann spielen, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Und die Streamingtipps der nmz für die Woche.

Besprochen werden ein gestreamter "Falstaff" der Bayerischen Staatsoper München (nmz), Becketts "Warten auf Godot" von Theater Hora und Monster Truck am Theater Neumarkt Zürich (nachtkritik) und Christopher Rüpings Inszenierung von Jean-Luc Lagarces Drama "Einfach das Ende der Welt" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, SZ).
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Archiv: Bühne

Film

Die Mitteilung des Filmkonzerns Warner, zumindest im Jahr 2021 seine gesamte Blockbuster-Produktion parallel zum Kino auch auf dem Streamingdienst HBO Max auszuwerten (mehr dazu hier), setzt SZ-Filmkritiker Tobias Kniebe zumindest auf den ersten Blick spürbar zu: "Das klingt wie die Apokalypse, der Anfang vom Ende einer kollektiven, sehr speziellen Erfahrung". Mitunter beschleicht ihn "der Verdacht, die Pandemie werde vor allem als Vorwand und Ausrede benutzt, um eine große Tradition zu zerstören". Letztendlich geht es aber eben doch nur darum, dass die Filmindustrie nicht ständig Werbe-Millionen verpulvern will, die dann doch wieder nur angesichts geschlossener Kinos verpuffen: "Warners Ankündigung ist deshalb nicht als Riesenschritt in eine Zukunft ohne Kino zu deuten, sondern als eine sehr spezielle Antwort auf das Kinojahr 2021. ... Sollte das große Auf-und-zu-Spiel weitergehen, schafft die Streamingoption Stabilität."

Weitere Artikel:  Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer ist skeptisch, was eine reguläre Berlinale (die als Veranstaltung des Bundes aber auch nicht in seine Zuständigkeit fällt) im Februar betrifft, berichtet Tim Caspar Boehme in der taz.

Besprochen werden Raymond Leys von der ARD online gestelltes Dokudrama "Schuss in der Nacht" über die Ermordung Walter Lübckes (ZeitOnline, FAZ), Detlev Bucks Netflix-Film "Wir können nicht anders" (SZ), Ron Howards "Hillbilly Elegie" (SZ, unsere Kritik hier), David Finchers Biopic "Mank" (Tagesspiegel, FAZ) und der nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann entstandene Horrorfilm "Du hättest gehen sollen" mit Kevin Bacon (FAZ).
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Musik

Für ZeitOnline hat Silvia Silko die Ankündigung von Spotify, dass sich Künstler gegen noch etwas niedrigere Tantiemen auf populäre Playlists einkaufen können, etwas genauer und detaillierter analysiert als gestern der Freitag. Nachgefragt hat sie unter anderem bei dem Musik- und Medienwissenschaftler Jochen Steffens: "Seiner Meinung nach ist die Aussicht auf eine Senkung des Entlohnungsniveaus die größte Gefahr. 'Jeder Künstler kann seine Gewichtung durch die neue Spotify-Funktion für den Algorithmus verstärken, seine Popularität erhöhen und bekommt, wenn es funktioniert, hinterher weniger ausbezahlt', sagt Steffens. Spielten alle Künstlerinnen dieses Spiel mit, seien sie mit einem Mal alle scheinbar populärer. 'Das hat zur Folge, dass der Algorithmus am Ende dieselben Informationen hat wie jetzt auch schon', sagt Steffens, 'Spotify aber einfach mehr Geld einbehält.' Damit spricht auch Steffens das Kernproblem von Musikstreamingdiensten an: die Entlohnung der Künstlerinnen und Künstler, deren Schaffen die Produktbasis sämtlicher Streamingdienste bildet."

Immerhin im russischen Jekaterinburg konnte unter erheblichen Auflagen und Maßnahmen ein Beethovenfestival stattfinden, berichtet Kerstin Holm in der FAZ: "Für die mitwirkenden Musiker aus Deutschland wurde es zur willkommenen Auftrittsmöglichkeit, aber auch zur Mutprobe und - angesichts zweier Corona-Fälle unter den Gästen - zum Stresstest."

Weitere Artikel: Für die taz plaudert Ulrich Gutmair mit Jürgen Engler, der 1976 mit Male eine der ersten deutschen Punkbands gründete und mittlerweile in Austin lebt. Victor Efevberha erklärt uns in der taz die Kulturgeschichte des Szenestreits im Hip-Hop. Stefan Hentz erinnert in der NZZ an Dave Brubeck. Für ZeitOnline spricht Till Wilhelm mit der Rapperin Haiyti, deren neues Album "Influencer" Jens-Christian Rabe in der SZ bespricht. Wir hören rein:



Besprochen werden Christian Thielemanns autobiografisches Buch "Meine Reise zu Beethoven" (Tagesspiegel), Ela Minus' Debütalbum "Acts of Rebellion" (FR) und das Mixtape "No Panic No Pain" der Rapperin Flohio (Tagesspiegel).
Archiv: Musik