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Efeu - Die Kulturrundschau

Das gelobte Land der abstrakten Kunst

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2021. Die New York Times blickt mit einem blauen Vogel in den Himmel über New York. Domus bewundert die Mexiko-Fotos von Josef Albers und ihre künstlerischen Folgen. Die taz unterhält sich mit der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić über ihren Film "Quo Vadis, Aida?" und das Massaker von Srebrenica. Dezeen bestaunt den neuen Maximalismus im Design, der uns jetzt sogar ins Grab begleitet. Im Interview mit der FR fordert der Architekt Christoph Mäckler mehr Mischung in der Stadtplanung. Der Standard hört Musik von Dry Cleaning.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2021 finden Sie hier

Kunst

Alex Da Corte, As Long as the Sun Lasts. Foto: Anna Marie Kellen / Courtesy the Metropolitan Museum of Art


Richtig gerührt ist New York Times-Kritiker Will Heinrich, als er auf den blauen Vogel blickt, der seit gestern auf dem Dach des Metropolitan Museums in einem Halbmond über New York schaukelt: "Die Skulptur erinnerte mich sofort an meine Lieblingskurzgeschichte von Italo Calvino, 'Die Entfernung des Mondes', über die guten alten Zeiten, als die Erde und ihr Mond sich fast nah genug kamen für einen Kuss. Der Erzähler und seine Freunde rudern zum Punkt der größten Annäherung, errichten eine Leiter und springen hinüber zur Mondoberfläche, wo sie herumtollen und Käse sammeln. Für seine 2021 Roof Garden Commission zapft der Künstler Alex Da Corte eine ähnliche Ader der unverblümten Ironie an. Der Vogel in 'As Long as the Sun Lasts' - der Titel ist einer anderen Calvino-Geschichte entlehnt - ist ein lebensgroßer, maßgefertigter, blauer, aber ansonsten unverwechselbarer Big Bird, der geliebte Bewohner der Sesamstraße. Wehmütig blickt er über die Oligarchen-Areas südlich des Central Parks, hin- und hergerissen, unsicher, ob er wieder auf die Erde klettern oder für immer davonfliegen soll."


Links: Foto von Josef Albers in Mexiko, rechts Annie Albers, Red Meander II, 1970-1971

Bei Domus beugt sich Luca Galofaro bewundernd über die Fotos, die Josef Albers auf seinen Reisen mit Annie in Mexiko aufgenommen hat (versammelt im Band "Messico 1935/1956"). Die Fotos sind nicht künstlerisch, erklärt Galofaro, aber man kann mit ihrer Hilfe wunderbar den kreativen Prozess des Paares verfolgen. "Die Reisen waren ein Moment des Dialogs für das Ehepaar, das die Anregungen des Gesehenen auf unterschiedliche Weise, aber immer mit einem künstlerischen Ansatz verarbeitete. 'Wir haben einen ganz großartigen Sommer hier in Mexiko verbracht, drei Monate in diesem wunderbaren Land... ein Ort für Kunst, wie sie in der Vergangenheit existierte, wunderbare alte Kunst, noch kaum entdeckt, kaum ausgegraben', sagte Anni Albers. 'Mexiko, ist wahrhaftig das gelobte Land der abstrakten Kunst, die hier Jahrtausende alt ist', schrieb Josef Albers, der in seinen Briefen an Kandinsky betonte, wie sehr Mexiko und das Reisen eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für die Kreativität eines Künstlers seien. Anstatt eine Ästhetik zu definieren, dokumentieren die Fotografien die reale Welt und fangen das Wesen von Orten ein, enthüllen verborgene Geometrien und definieren ein formales Vokabular, das verwandelt und dann durch Albers' bevorzugte Kunstwerkzeuge, nämlich Malerei und Grafik, neu interpretiert werden kann. Die Fotos sind Spuren einer kreativen Erfindung. Nur einige von Albers' Aufnahmen ziehen uns durch ihre Ästhetik an, weil er den rein dokumentarischen Wert eines Bildes dem verführerischen Gebrauch vorzieht. Auf diese Weise wird das Bild autonom genug, um seine Zukunft zu gestalten." Über die Albers in Mexiko gab es vor einigen Jahren eine wunderbare Ausstellung im Mudec in Mailand, zu der man dankenswerter Weise immer noch viele Bilder findet.

Besprochen werden die Ausstellung "Der Erfinder der Elektrizität" in der St. Matthäus Kirche am Berliner Kulturforum (die laut Ingeborg Ruthe in der FR "die religiösen Wurzeln im Beuys'schen Schaffen" freilegt), die Gruppenausstellung "A Fire In My Belly" in der Julia Stoschek Collection in Berlin (monopol), die Fotoausstellung "Berlin, Gott und die Welt" in der Guardini Galerie in Berlin (FAZ) und die Ausstellung "2 x Kippenberger" mit Martin Kippenbergers Großinstallation "The Happy End of Franz Kafka's 'Amerika'" im Museum Folkwang in Essen (SZ).
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Bühne

Im Dlf Kultur erinnert Beate Bartlewski an die fruchtbare Zusammenarbeit von Kurt Weill und Lotte Lenya. Die nachtkritik setzt heute ab 12 Uhr Online-Festival zum Netztheater in der Freien Szene auf Zoom fort. Besprochen wird Leonie Böhms Inszenierung "Schwestern" nach Tschechow am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, SZ).
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Film

"Quo Vadis Aida" von Jasmila Žbanić

In der taz spricht Erich Rathfelder mit der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić, deren Film "Quo Vadis, Aida?" über das Massaker von Srebrenica für einen Oscar nominiert ist. Ihre bosnischen Hauptfiguren hat sie mit Serben besetzt - und aus Serbien, neben dem erwartbaren massiven Gegenwind, vereinzelt auch Zuspruch erhalten. "Der große Unterschied zu früher ist, dass es jetzt soziale Medien gibt. Die staatlichen Medien in Serbien und der serbischen Teilrepublik in Bosnien und Herzegowina sagten damals über den Film 'Esmas Geheimnis' nur das, was die Serben ihrer Meinung nach über den Film denken sollten. Inzwischen können Leute in ihren Wohnzimmern Filme runterladen und angucken und sich ihre eigene Meinung bilden. Es waren nicht 'die Serben', die die Verbrechen begingen, es waren die Kriegsverbrecher, die aber noch viele Sympathisanten haben. Manche der Täter werden noch ins Gefängnis gehen müssen, wenn alles aufgedeckt wird. Sie sind voller Angst. Der Krieg wird erst vorbei sein, wenn dieser Film in einem staatlichen TV-Kanal in Serbien ausgestrahlt werden kann."

Für Artechock verortet Miranda Jakiša Žbanićs Film im Kontext der Erinnerungs- und Aufarbeitungsarbeit in der früheren Kriegsregion: "Das de facto geteilte Bosnien und Herzegowina, ein dysfunktionaler Staat, und auch seine Nachbarstaaten Serbien und Kroatien, befinden sich heute in einem historischen Aushandlungsprozess eingefroren, der den Namen Aufarbeitung kaum verdient. Dem internationalen Desinteresse an der südslawischen Zwickmühle und der erinnerungspolitischen Sackgasse im Land stellt sich Žbanićs Film nun entgegen und übernimmt sorgfältig durchdacht, gewissenhaft und zukunftsweisend künstlerisch-politische Verantwortung. Außerhalb der Region sind die Ereignisse um Srebrenica weitaus weniger bekannt als man annehmen möchte. Kenner:innen attestieren nun bereits, der Film könne für Bosnien leisten, was 'Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss' für die Aufarbeitung der Vernichtung der europäischen Juden geleistet und in Bewegung gesetzt hat."

Elke Lehrenkrauss' Vorgehen in der als weitgehend inszeniert enttarnten Doku "Lovemobil" hält ihr Berufskollege Arne Birkenstock in keiner Hinsicht für entschuldbar. Auch ein vorgesetzter Transparenz-Hinweis würde den Film nicht als Dokumentarfilm qualifizieren, schreibt er auf Artechock. Die laut gewordenen Vorwürfe, der zuständige NDR-Redakteur habe sich zu wenig gekümmert und darauf gedrängt, das inszenierte Material zu verwenden, lässt Birkenstock nicht gelten: "Entschuldigung? Diesem Redakteur wurden sämtliche Protagonisten als 'echt' präsentiert, natürlich rät er zur Konzentration auf diejenigen, die aus seiner Sicht filmisch und dramaturgisch am besten wirken und funktionieren." Natürlich müsse man über prekäre Finanzlagen sprechen, aber doch vor allem "am Beispiel der vielen, vielen Filme, die ebenfalls unter dem Zwang zur Selbst- und Fremdausbeutung entstehen und die trotzdem nicht mit Laienschauspielern betrügen."

Außerdem: In der FAZ greift Claudius Seidl den Aufschrei darüber auf, dass der eher verfemte, als gefeierte Exploitation-Regisseur Uwe Boll gerade einen Film über den Terroranschlag von Hanau gedreht hat: Zwar ist Boll als Handwerker besser als sein Ruf, meint Seidl, aber viel Hoffnung auf einen tatsächlich reflektierten Film habe er dennoch nicht. Vor zehn Jahren begann "Game of Thrones", erinnert Heide Rampetzreiter in der Presse. Gerhard Matzig schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Helen McCrory.

Besprochen werden Bryan Fogels Dokumentarfilm "The Dissident" über den Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier) und David Attenboroughs auf AppleTV gezeigte Doku "Das Jahr, das unsere Erde veränderte" (FAZ).
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Archiv: Film

Architektur

Im Interview mit der FR erklärt der Architekt Christoph Mäckler, der gerade seinen Siebzigsten gefeiert hat, warum der öffentliche Raum gestaltet werden muss und warum er oft dort so hässlich ist, wo die teuersten Wohnungen gebaut werden: Die soziale Mischung fehlt dort, die ein Viertel erst zum Leben erweckt. Das liegt aber auch an der Politik, meint Mäckler. Man müsste nicht nur mehr Mischung im Verkehr fördern - Mäckler schließt hier den individuellen Autoverkehr ausdrücklich ein -, sondern auch die Mischung aus privatem und gewerblichem Leben. "Der Bäcker darf heute in der Nacht im Hof seine Brötchen nicht in den Lieferwagen einladen. Das gilt als nicht zulässiger Betriebslärm. Wir müssen uns darüber klar werden, dass derartige Gesetze die funktionale Vielfalt und das Leben in der Stadt zerstören. Gesetze wie die Baunutzungsverordnung sind in den 1960er Jahren entstanden. Hier wird die Stadt in einzelne Funktionseinheiten separiert. Gearbeitet wird im Gewerbegebiet, gewohnt im Wohngebiet, was städtisches Leben zum Absterben bringt und, wie in Frankfurts Vorort Eschborn zu sehen, zu einem übermäßigen Verkehrsaufkommen mit den täglichen Staus in der Früh und am Abend führt." In der SZ gratuliert Gerhard Matzig dem Architekten zum Siebzigsten.

Außerdem: In der NZZ stellt Bernd Nicolai die dänische Architektin Dorte Mandrup vor, die vor allem durch ihre Projekte zur Erinnerungskultur bekannt wurde. Dazu gehört auch das Exilmuseum in Berlin, das sie bauen wird, und die Umwandlung der ehemaligen Saalecker Werkstätten, eine "Plattform nationalistischer Kultur- und Rassenpolitik", in eine Gedenkstätte.
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Design

Urne von John Booth


Der Trend zum Maximalismus im Design ist unaufhaltsam. Man kann ihm jetzt bis ins Grab folgen, mit dieser Urne des Keramikers John Booth. "Blumen sind ein Motiv, das ich in meiner Arbeit häufig verwende, und angesichts der Konnotation zwischen Blumen und Beerdigungen, Trauer und Feierlichkeiten schienen sie für dieses Projekt besonders geeignet", erklärte Booth der Zeitschrift Dezeen. So kann man es natürlich auch sehen. Wer es lieber schlichter mag, aber dennoch elegant, freundet sich vielleicht eher mit einer Urne von Maria Tyakina an. Und falls Sie es noch viel zu früh finden, sich mit dem Gedanken an eine Urne zu beschäftigen: Diese hier von Aleksander Sworz kann man sehr gut erst mal als Obst- oder Keksschale benutzen.
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Stichwörter: Urnen

Literatur

Dass die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse eine deutliche "Debattenferne" aufweist, war im Grunde allgemeiner Konsens (unser Resümee). Aber insbesondere auf Dirk Knipphals' Einschätzung in der taz reagiert Jürgen Kiel in einer Notiz auf Tell: Nicht literarische Kriterien würden an die Nominiertenliste angelegt, sondern ihr werde "mangelnde Journalismusförmigkeit" vorgeworfen. "Denn nur Literatur, die ausreichend journalismusförmig ist, macht es dem Kritiker möglich, über die Themen zu schreiben, die ihn interessieren. Demnach dürfte die Literatur für den Leipziger Buchpreis zwar subjektiv geschrieben sein, aber nur innerhalb des inhaltlichen Rahmens, den der Kritiker setzt. Also nicht so subjektiv, dass sie sich die Freiheit nimmt, ihren Inhalt durch ihre Form erst zu erschaffen. Doch so verfährt Kunst."

Außerdem: Im Literaturfeature von Dlf Kultur befasst sich Marc Engelhardt mit dem literarischen Nachwuchs im Bereich Nature Writing. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Holger Kreitling daran, wie Norman Mailer einmal fast seine Frau ermordet hat. Für den Guardian unterhält sich Sam Leith mit dem Science-Fiction-Autor und Klimaaktivisten Jeff Vandermeer. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Walter Kaufmann. Im "Literarischen Leben" der FAZ hält der Schriftsteller Wolfgang Hegewald ein furioses, von Eitelkeiten - wie er selber einräumt - nicht ganz freies Plädoyer für mehr Schriftsteller an den Hochschulen.

Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Mein Tag im anderen Land" (Dlf Kultur, Tagesspiegel), Monika Helfers "Vati" (Freitag), Steffen Kopetzkys "Monschau" (Welt), der Sammelband "Klasse und Kampf" mit Texten von unter anderem Katja Oskamp, Clemens Meyer, Sharon Dodua Otoo und Lucy Fricke (taz), Ingrid Mylos Gedichtband "Überall, wo wir Schatten warfen" (FR), Curtis Sittenfelds "Hillary" (SZ), Alexander Pechmanns Neuübersetzung von Mark Twains "Unterwegs mit den Arglosen" (Literarische Welt) und Mirko Bonnés "Seeland Schneeland" (FAZ).
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Musik

Tja, ist Standard-Kritiker Christian Schachinger vom Debüt der Londoner Gruppe Dry Cleaning rund um die Sängerin Florence Shaw nun begeistert oder nicht? Viel Epigonales aus dem Bereich von Post-Punk gibt es hier jedenfalls zu hören, aber es hat irgendwie doch auch genug eigene Kante: Die Musiker "dengeln, bolzen und pumpen herum" wie weiland Sonic Youth, deren Sängerin Kim Gordon man bei Florence Shaw auch durchhört. "Briten sind es nicht gewohnt, um ihr Leben zu rocken. Sie haben Sozialhilfe - und schlechtes Essen. Außerdem haben sie genetisch von ihren Eltern her das Post-Punk-Gen intus. Deshalb jammern auch einmal zwischendurch Robert Smith und The Cure oder Bauhaus, New Order, The Smiths und der ganze hängeschultrige Rest der Trauerweiden aus den frühen 1980er-Jahren um die Ecke. Dry Cleaning selbst sehen sich von den in den Nullerjahren umgehenden Franz Ferdinand zur Muse genötigt. Oh, Mann. Jedenfalls: Toll, toll, toll!" Na gut, wir hören rein:



Außerdem: Ulrich Gutmair trifft sich für die taz zum Talk mit der Berliner Punkband ZSK, die sich im letzten Jahr mit einem Gag-Song über Christian Drosten gut in der Öffentlichkeit platzieren konnten: "Die kleine Scheißpunkband aus Kreuzberg läuft plötzlich im Deutschlandradio mit ihrem Drosten-Song, das war sehr ulkig." Corina Kolbe erinnert in der NZZ an den Komponisten Alessandro Stradella, der vor 300 Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, und empfiehlt uns eine CD mit neuen Aufnahmen des Baritons Riccardo Novaro und der Sopranistin Roberta Mameli. Hannes Soltau plaudert für den Tagesspiegel mit dem Rapper Galv über dessen SWR-Doku über die brachliegenden Clubs:

Archiv: Musik
Stichwörter: Post-Punk