Efeu - Die Kulturrundschau

Spritz Me with Your Love

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05.12.2019. Die Filmkritiker von Artechock, Welt und FR liegen Woody Allen zu Füßen und versichern: Elle Fanning ist so wenig ein dummes Blondchen wie Marilyn Monroe. In Monopol erklärt die Künstlerin Heba Y. Amin, warum sie ein pyramidenförmigen Denkmal für den Nazi-Piloten Hans-Joachim Marseille in der ägyptischen Wüste für ihre Ausstellung in Solingen nachgebaut hat. Die Münchner Abendzeitung fragt, warum die Handke-Debatte fast nur im Internet stattfindet. Die Zeit treibt mit Stefanie Schranks neuem Musikalbum durchs All.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 finden Sie hier

Film

Manchmal scheint hier auch die Sonne: "A Rainy Day in New York" von Woody Allen

Woody Allens Filme kann man insbesondere nach den im Zuge von #MeToo wieder laut gewordenen Vorwürfen aus den Neunzigern nicht mehr schauen, ohne sich zu diesem übergeordneten Diskurs zu verhalten, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Allens neuer Film "A Rainy Day" (mehr dazu bereits hier und dort) besteht vor diesem Hintergrund aber ohne weiteres als "scharfer Kommentar zum Zeitgeist, zum grassierenden Puritanismus in den westlichen Gesellschaften. ... Allen erzählt sarkastisch von den Gepflogenheiten seiner Branche. Die Männer entlarven sich in ihrer lächerlich-pompösen Art bald selbst. Und andererseits sind die Frauen hier nie besser als die Männer. Zugleich ist 'A Rainy Day in New York' natürlich - oder auch zum Teil wegen der gegenwärtigen Debatten um Anstand, Moral und Politik unserer Geschlechterbeziehungen - ein sehr oft witziger Film."

"Wunderbar gelungen" findet auch Manuel Brug in der Welt diesen Film - "einer seiner schönsten Filme seit Langem" -, den man zu seinem Bedauern ja gar nicht loben dürfe, was angesichts Brugs überaus schwärmerischer Kritik und den Kritiken seiner Kollegen allerdings wenig plausibel wirkt. Denn auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält diesen Film für einen großen Wurf im oft durchwachsenen Spätwerk des Regisseurs. Gescholten wurde der Film hier und da allerdings dafür, wie er die junge Elle Fanning als naive Fan-Journalistin hinstellt. Ist das "nun ein frauenfeindliches Klischee? Oder ist es nicht eher die männliche Unterhaltungsprominenz, die hier als Gockel vorgeführt wird? Was wurde Marilyn Monroe nicht zu Lebzeiten für den überwiegenden Teil ihrer Filmrollen kritisiert. Doch ebenso wenig wie ihre Blondinen bei Billy Wilder bloße 'Dummchen' blieben, bedient Fannings Rolle lediglich ein Vorurteil. Sie ist wunderbar, und wer ihr die Distanz, die sie dieser Rolle beigibt, nicht zutraut, ist selbst ein Frauenfeind."

Außerdem: Im Filmdienst spricht Anthony McCarten über sein Drehbuch zu dem (im Tagesspiegel und in der Welt besprochenen) Film "Die zwei Päpste", in dem es um ein Treffen zwischen Josef Ratzinger und den amtierenden Pontifex Jorge Mario Bergoglio geht. Außerdem unterhält sich der Filmdienst mit Simon Jaquement über dessen Film "Der Unschuldige". Oliver Geyer besucht für die Zeit in Bielefeld den Sammler Frank Becker, der analoge Filmrollen sammelt: 120.000 hat er bis jetzt, das größte private Filmarchiv Deutschlands.

Besprochen werden Cédric Le Gallos und Maxime Govares queere Schwimmbad-Komödie "Die glitzernden Garnelen" (Sissymag, taz), Mati Diops auf Netflix veröffentlichter Cannes-Favorit "Atlantique" (Filmdienst, mehr dazu bereits hier), Martin Scorseses "The Irishman" (Filmbulletin), Marco Tullio Giordanas Drama "Nome di donna" über einen Fall sexueller Belästigung in den 90ern (taz), Gustav Hofers und Luca Ragazzis Dokumentarfilm "Dicktatorship" über italienischen Machismo (FR), die italienische Komödie "Alles was du willst" von Francesco Bruni (taz), die Wiederaufführung von Paul Schraders "Mishima" (Sissymag), die britische DVD von King Hus restauriertem "The Fate of Lee Khan" aus dem Jahr 1973 (taz), Sydney Pollacks rekonstruierter Dokumentarfilm "Amazing Grace" über eine Studioperformance von Aretha Franklin (Jungle World, unsere Kritik hier), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Schönheit und Vergänglichkeit" über Sven Marquart, den Türsteher des Berghains (SZ), Éric Toledanos neue französische Komödie "Alles außer gewöhnlich" (SZ), "Le Jeune Ahmed" der Brüder Dardenne, der bei uns noch keinen Starttermin hat (NZZ, Filmbulletin, Kinozeit), Noah Baumbachs Scheidungsfilm "Marriage Story" und Bernhard Sallmanns Doku "Havelland Fontane" (beide Perlentaucher).
Archiv: Film

Kunst

Die Pyramide in Heba Y. Amins Ausstellung "Fruits from Saturn". Foto: Zentrum für verfolgte Künste, Solingen


Für ihre Ausstellung "Fruits from Saturn" im Solinger Zentrum für verfolgte Künste hat die Künstlerin Heba Y. Amin ein pyramidenförmigen Denkmal für den Nazi-Piloten Hans-Joachim Marseille, das in der ägyptischen Wüste errichtet wurde, maßstabgetreu nachgebaut. Im Interview mit Donna Schons von Monopol sagt sie dazu: "Es geht darum, vor Augen zu führen, dass gewisse Narrative in anderen Geografien bis heute fortbestehen." Daneben gibt es ein Video, für das Amin auch Anwohner befragt hat, die dem Denkmal eher indifferent gegenüberstehen. Das liegt am Tourismus, meint sie. "Als eine Erweiterung des Kolonialismus. Man hat es hier mit einer Gemeinschaft zu tun, die gravierend von den Konsequenzen des Kriegs getroffen wurde und dadurch abhängig von einem Tourismus für die Überreste jenes Kriegs geworden ist. Noch frappierender ist für mich, dass es nun eine Generation gibt, die mit diesen Denkmälern aufgewachsen ist und keine direkte Verbindung zur Realität des Krieges hat. Sie ist gezwungen, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu bewahren, während ihre eigene Geschichte ausgelöscht wurde. Es ist ein Konflikt fremder Objekte und Narrative, eingebettet in Landschaften, in denen sich die Menschen selbst nicht repräsentiert sehen."

Rachel Rose: Autoscopic Egg, 2017, © Rachel Rose, Courtesy of the artist and Gavin Brown's enterprise, New York / Rome, Foto / Photo: Lance Brewer


Fasziniert kommt Hanno Rauterberg (Zeit) aus einer Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Rachel Rose, deren Videos man im Fridericianum in Kassel im Kinoformat betrachten kann. Politische Aktualität im Sinne einer Auseinandersetzung ist ihre Sache nicht, eher ein assoziatives Ineinanderfließen der Dinge: "Es sind solche Übergänge, die Rose in ihren Videos begleitet: von den Höhen in die Tiefe, vom Öligen ins Wässrige, vom Lebendigen ins Gestorbene. Einmal sieht man, wie eine Gewehrkugel den Rumpf eines Hirschs durchdringt, dort im Rot der Eingeweide voranschießt, sich das Rot dann verwandelt in ein luftiges Etwas, sich bald als knittrig-durchscheinende Plastiktüte erweist, die man schließlich am Fuß einer Felsklippe liegen sieht. Es sind rasante Metamorphosen hinaus aus der Konkretion, hinein ins Abstrakte und wieder zurück, und fast nie verfällt Rose in den abgehackt harten Rhythmus, der viele Videoarbeiten ihrer Kollegen prägt. Nur gelegentlich scheinen die Bilder einzufrieren, ja zu zersplittern - und die Splitter verschieben sich gegeneinander, als wollte das Video sich einen Moment lang selbst betrachten."

In der SZ wundert es Catrin Lorch nicht, dass die Juroren des Turner-Preises dem Wunsch der nominierten vier Künstler gefolgt ist und sie gemeinsam ausgezeichnet hat. Alle vier Beiträge waren auch politisch, da hätte die Entscheidung für einen einzelnen Künstler die Jury glatt in Erklärungsnot bringen können: Die Juroren hätten "vor der Aufgabe gestanden, nicht nur die Ästhetik zu würdigen, sondern vier explizit politische Bezugsfelder gegeneinander auszuspielen. Feminismus gegen Folter, Nordirland gegen Syrien. Eine politisch wache Kunst erscheint nicht länger als Alternative, sondern als einzige Form von künstlerischer Arbeit, die in der Gegenwart überhaupt von Relevanz sein kann."

Weiteres: In Monopol resümiert Verena Dengler die Venedig-Biennale. Ebenfalls in Monopol schreibt die Künstlerin Heidi Specker über die Fotos von Helga Paris, die derzeit in der Berliner Akademie der Künste zu sehen sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Body Performance" in der Helmut-Newton-Stiftung in Berlin (taz), eine Ausstellung in der Fondazione Prada in Mailand, für die Jean-Luc Godard ein Atelier hat errichten lassen (AnOther), Imi Knoebels Ausstellung "Was machen Sie denn" in der Pariser Galerie Thaddaeus Ropac (monopol), "The World's Edge", eine Ausstellung des Fotografen Thomas Joshua Cooper im Los Angeles County Museum of Art mit Bildern der gefährdeten kalifornischen Küste (Hyperallergic) und Anja Salomonowitz' Dokumentarfilm über den Künstler Daniel Spoerri (Standard).
Archiv: Kunst

Bühne

In der FAZ stellt Malte Hemmerich das Programm des Salzburger Musikfestivals "Dialoge" vor. Schauspielerin Angela Winkler plaudert im Interview mit dem Tagesspiegel über ihre Autobiografie "Mein blaues Zimmer", ihr Leben und perfekte Schauspieler.

Besprochen werden Corinna Tetzels Inszenierung von Gabriel Faurés "Pénélope" mit Dirigentin Joana Mallwitz am Pult der Frankfurter Oper (nmz, Zeit), Sara Ostertags Adaption von Agota Kristofs Roman "Das große Heft" für die Bühne des Kosmos Theaters in Wien (nachtkritik), Martin Grubers "Heile mich" mit dem Aktionstheater Ensemble am Spielboden im Vorarlberger Dornbirn (nachtkritik), Jan Philipp Glogers Inszenierung von Peter Handkes "Kaspar" in Nürnberg (SZ), John Neumeiers Choreografie von Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie" in Hamburg (SZ) und Martin Kušejs Inszenierung von Kleists "Hermannsschlacht" am Wiener Burgtheater (Zeit).
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Archiv: Bühne

Literatur

Robert Braunmüller resümiert in der Münchner Abendzeitung die Debatte um Peter Handke und macht auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam: "Die gegenwärtige Handke-Debatte verlagerte sich schnell ins Internet: in Twitter-Threads und Blogs, weil ein Fakten-Check der Serbien-Texte des designierten Nobelpreisträgers viel Spezialwissen erfordert und mehr Raum braucht, als er in Zeitungen zur Verfügung steht. Zwei besonders aufschlussreiche Analysen, die auch für diesen Artikel herangezogen wurden, sind im Online-Magazin Perlentaucher nachzulesen. Die mit Handke alt gewordenen Großkritiker nahmen dies, wie ein Zeit-Interview mit dem Autor beweist, generationsbedingt kaum zur Kenntnis: Sie wollten sich ihre Leseerfahrungen mit dem Frühwerk nicht durch Recherchen über Bosnien verderben lassen." Alida Bremers und Vahihin Preljevics Perlentaucher-Texte, auf die Braunmüller anspielt, finden Sie hier und hier.

Mag schon sein, dass Peter Handkes Texte über Jugoslawien nicht journalistisch einzustufen sind, sondern, wie der Autor selbst sagt, als Literatur, meint Harry Nutt in der FR - dann sei sie "allerdings schlechte." Allerdings wirke sich der Fokus auf diese Texte "inzwischen geradezu zerstörerisch auf die Wahrnehmung von Handkes literarischem Schaffen aus", was einer "ästhetischen und kulturpolitischen Bankrotterklärung" gleichkäme. Für Nutt findet hier eine "Stellvertreterdebatte" statt, "die nicht zuletzt auf ein verdrängtes Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte verweist. ... Vielleicht sollte man angesichts der unerbittlichen Fixierung auf das Tun und Lassen Peter Handkes die noch verfügbaren Aufmerksamkeitsressourcen auf Olga Tokarczuk lenken. Die Preisträgerin von 2018 blickt in ihren Werken auf ein anderes Kapitel der europäischen Geschichte und sucht dabei auf ihre Art mit großer Intensität nach dem Wahrheitsanspruch des Schreibens."

Besprochen werden unter anderem Martin Pollacks "Die Frau ohne Grab" (Dlf Kultur), George Eliots "Middlemarch" (Dlf Kultur), eine Edelausgabe von George Herrimans Comicklassiker "Krazy Kat" (Titelmagazin), der Erzählband "Neapel liegt nicht am Meer" von Anna Maria Ortese, die als Vorbild für Elena Ferrante gilt (SZ) und Mircea Cărtărescus "Solenoid" (FAZ).

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Archiv: Literatur

Design

Verteilt Ohrfeigen: Helena Christensen als Baronesse. Image from Baroness by Sarah Baker, starring Helena Christensen


Bei AnOther erzählt Matthew Holroyd von Produktion der neuen Ausgabe des Magazines Baroness, eine Art erotisches Kunstmagazin, das er zusammen mit Chefredakteurin Isabella Burley herausgibt. In der neuen Ausgabe geht es um machtvolle Frauen, die mal keine Zicken sind, sondern zusammenarbeiten: "An diesem heißen Sommertag steht vor mir, umgeben von fitnessgestählten männlichen Assistenten, die alle schwarz gekleidet sind und ihre Tasche, ihr Telefon und ihre Wasserflasche tragen, die Quelle unserer Inspiration - Donatella Versace. 'Schlag ihn, Helena, komm schon', ruft sie. Wir fotografieren die nächste Ausgabe von Baroness, deren Gastredakteurin Donatella ist. Das Buch ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit der Performancekünstlerin Sarah Baker, die einen kecken romantischen Roman im Jackie-Collins-Stil geschrieben hat, der von Fotos begleitet wird. Dem turbulenten Leben von fünf unerhörten Charakteren folgend, beginnt er damit, dass die amerikanische Musikmogulin Angelina ein unerwünschtes Weihnachtsgeschenk erhält und so versehentlich eine schmutzige Geschichte über verworrene Lügen und Verrat eröffnet. Alles steht auf dem Spiel: Angelina's Freiheit, die Loyalität ihrer Tochter, ihre Freundschaft mit der Baronin und - am schlimmsten - die Tantiemen aus ihrer Hitsingle 'Spritz Me with Your Love'."
Archiv: Design

Musik

Beim Hören von Stefanie Schranks Album "Unter der Haut eine überhitzte Fabrik" treibt Zeit-Kritiker Jens Balzer "durch das All, getragen von rhythmischem Satellitenpiepsen und silbriger Sphärenmusik", sieht sich allerdings beim Blick in den Kosmos nicht glitzernden Sternen gegenüber, sondern lediglich glitzerndem Schrott, der aber "in seiner diamantenen Schönheit jeden echten Stern überstrahlt". Zu bestaunen gibt es "Schönheit aus dem Klangmaterial fast vergessener Zukunftsvisionen", die direkt den krautigen Siebzigern entsprungen scheinen. Kurz: Für Balzer eines der schönsten deutschen Popdebüts seit Jahren. Da hören wir doch gerne rein, zumal die Künstlerin gleich eingangs im Stück "Die Katze von Jesus" versichert, "die Mutter von Luke Skywalker und der Vater von Norman Bates" zu sein.



Die NZZ hat nach einer Datenanalyse herausgefunden, dass in den 80ern in den Schweizer Charts noch ein kurzlebiger Hit auf den nächsten folgt, wohingegen Hits heutzutage oft monatelang eisern die Spitzenpositionen belagern, berichten Nikolai Thelitz, Ueli Bernays und Joana Kelén. Die Gründe dafür sind vielfältig, hängen aber alle mit den Umbrüchen im Zuge der Digitalisierung zusammen: "Zunächst wurde die Bündelung verschiedener Stücke, die das Albumformat mit sich gebracht hatte, durch den Wechsel zu Download und Streaming wieder gelöst. Ähnlich wie zu Zeiten der Vinyl-Singles steht heute damit der einzelne Track, der Song im Mittelpunkt von Pop-Kultur und Musik-Business. Zudem hat die 'alte' Musikbranche, von Download und Streaming überrascht und damit überfordert, die Kontrolle über den Verkauf ihrer Produkte an neue Player wie Youtube, Spotify oder Apple Music verloren." Flankierend dazu erklärt Ueli Bernays augenzwinkernd, wie man heute einen Hit schreibt.

Außerdem: Ole Schulz hat für die taz die Access-Musikkonferenz im ghanaischen Accra besucht, bei deren Debatten unter anderem auch die Frage im Raum stand, "ob der Austausch zwischen Afrika und dem Norden - gerade bei geschäftlichen Deals - wirklich auf Augenhöhe stattfindet. ... Immer noch wandert ein erheblicher Teil der Erlöse nach Übersee." In der FR spricht Steven Geyer mit Andris Nelsons. Malte Hemmerich berichtet in der FAZ vom Musikfestival Dialoge in Salzburg. Thore Barfuss gratuliert in der Welt Jay-Z zum 50. Geburtstag. Besprochen wird Michael Kiwanukas Konzert in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Musik