Perlentaucher - Online Kulturmagazin mit Presseschau, Rezensionen, Feuilleton

zuletzt aktualisiert 16.10.2026, 14.00 Uhr
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Bücherschau des Tages - Archiv

Mai 2026

Notizen zu den Buchkritiken des Tages aus FAZ, FR, NZZ, SZ, taz, Zeit, Welt, DLF und DLF Kultur. Täglich ab 14 Uhr.

Orgie aus Chlorophyll

30.05.2026 FAZ und SZ spazieren mit Florian Illies vergnügt auf den Spuren des Alchemisten Johannes Kunckel über die Pfaueninsel. Ganz hingerissen ist die FR, wenn ihr der Lyriker Martin Piekar in seinem Prosadebüt von seiner polnischen Migrationserfahrung erzählt. Als Geniestreich wertet die taz Ian Kumakevas Geschichte der globalen Wirtschaft, die der Historiker anhand eines Schiffes erzählt. Und die Welt blickt mit Francis Fukuyama auf den Ursprung des Populismus: Die Vetokratie. 

Revolution in Gedanken

29.05.2026 Die FR lernt allerhand dazu, wenn Sigrid Damm mit Wortspielen ihre Lektüreschätze präsentiert. Dem Kirchenhistoriker Jörg Ernesti folgt sie durch Höhepunkte und Niederungen der Geschichte des Papsttums. Die NZZ zieht mit Heike Geißlers Kohlhaas-Wiedergängerin Michaela begeistert in Lumpen durchs Land. Angeregt liest der Dlf, wenn Daniela Dröscher über das Sprechen nachdenkt. Außerdem empfiehlt er nachdrücklich Miriam Carbes großen Generationenroman "Unerwünschte Töchter".

Fesselnd auf schleichenden Pfoten

28.05.2026 Die FAZ besteigt mit Angelika Overath den Gipfel des Calanda. "Spektakulär, ja geradezu grotesk" findet die NZZ den Fall des SS-Intellektuellen Hans Ernst Schneider, dessen Leben die Historikerin Angelina Pils nachspürt. Die SZ macht sich mit dem Migrationsforscher Volker M. Heins Hoffnung auf sichere Häfen für Geflüchtete. Die taz vergleicht mit Andrea Rottmann queeres Leben in DDR und BRD. Und Dlf Kultur freut sich über neu übersetzte Miniaturen von Jorge Luis Borges.

Vertreterin des sokratischen Zweifels

27.05.2026 Dlf spürt in Anne Webers Reflexionen über die Poesie eine unbändige literarische Kraft. Die FAZ erfährt von Oliver Jahraus, wie sehr das Denken Martin Heideggers mit dem Nationalsozialismus verknüpft war. Dlf Kultur erlebt mit Oisín McKenna und ihren Großstadt- Milennials einige deftige "Hitzetage" in London. Die NZZ lässt sich von Andrea Hammel die weniger heroische Seite der Kindertransporte aufzeigen, mit denen jüdische Kinder vor den Nazis gerettet wurden. 

Anonyme Amigophagen

26.05.2026 Die FAZ begleitet vergnügt den Kröterich Konrad aus dem Kinderbuch von Anke Kuhl und Oren Lavie bei seiner Suche nach etwas noch Köstlicherem als Fliegen. Von Paula Peretti und Dorthe Voss lässt sie sich das Leben von James Krüss erzählen - auch die dunklen Seiten. Dlf ist begeistert von Antonio Scuratis Roman "M. Das Ende und der Anfang", der aus der Perspektive Mussolinis vom Faschismus erzählt. Die Welt blättert interessiert durch den Band von AFF Architekten, der brutalistische Schulbauten vorstellt. 

Mit einer gehörigen Portion Boshaftigkeit

23.05.2026 Die FAZ blickt mit Kiran Desai auf "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny", die weder Tradition noch Freiheit glücklich macht. Wer die politische Lage in der Slowakei verstehen will, dem empfiehlt die FR Michal Hvoreckys Band "Dissident". Die SZ amüsiert sich mit Karine Tuils Roman "Die Liebeshungrigen" über die nicht unbeträchtlichen Macken der Pariser Hautevolée. Die taz lernt mit Benedikt Kaisers Band "Der Hegemonie entgegen" die  Strategie für eine identitäre rechte Revolution. Dlf Kultur geht mit Dagmar Knigge auf Spurensuche nach der Nazivergangenheit ihres Opas.

Krüger, Lachnicht oder Fuchs

22.05.2026 Die FAZ erfreut sich im neuen Band der Rostocker Werkausgabe an Uwe Johnsons Beschreibungen der Mentalität der Berliner. Mit Jan-Werner Müller denkt sie über Architektur und Demokratie nach. Den zugleich seltsamsten und poetischsten Roman des Jahres entdeckt die FR mit Ricardo Romeros "Ich bin der Winter". Die SZ bewundert, wie Kiran Desai quer durch alle Genres über Einsamkeit sinniert. Dlf Kultur lernt derweil von Ciara Greene und Gillian Murphy, dass unser Gedächtnis erst perfekt ist, wenn es vergisst.  

Am aufgeklappten Krokodilsmaul entlang

21.05.2026 Die FAZ liest berührt, wie Thomas Medicus dem Suizid eines erfolgreichen Arztes und Vaters nachspürt. Amüsiert folgt sie indes Madame Nielsens Bericht einer dänischen Performance-Künstlerin, die mit einem deutschen Theater aneinander gerät. Als Plädoyer für mehr Menschlichkeit würdigt die FR Gabriele von Arnims neues Buch über Abschiede. Als "vielleicht unbekanntestes Meisterwerk" der amerikanischen Literatur des letzten Jahrhunderts preist die NZZ Sherwood Andersons Roman über kuriose Gestalten in Ohio. Gebannt folgt Dlf Kultur dem Investigativ-Journalisten Patrick Radden Keefe, der dem mysteriösen Tod eines jungen Hochstaplers in London nachspürt.

Alles atmet Frieden

20.05.2026 Die NZZ fährt mit Felicitas Hoppes "feinnervigen" und fantasievollen Reise-Essays in Urlaub. Die Welt lässt sich von Philip Manow die "Spaltungslinien" unserer Gesellschaft nachzeichnen. Die FAZ studiert Christoph Möllers' und Nils Weinbergs kluge Gedanken zum Verhältnis von Kunstfreiheit und staatlicher Förderung. Die SZ verschlingt Sandro Veronesis Roman "Schwarzer September", der als zärtliche Romanze beginnt und als düsterer Krimi endet. 

Aufrührerischer Schwäninnengesang

19.05.2026 Die FAZ kehrt mit Sanna Samuelssons Debütroman in die vermeintich heile Welt eines schwedischen Bauernhofs zurück. Die FR zieht mit Heike Geißlers "Michaela Kohlhaas" in einen aussichtslosen Kampf. Die NZZ begeistert sich für Petra Morsbachs schillernden Roman "Orion" über die Lehrerin Nora. Dlf lernt von Florian Bieber, wie sehr sich Autokraten vor der Zivilgesellschaft fürchten. Dlf Kultur applaudiert dem lebendigen Roman "Die rastlosen Jahre" von Devika Rege, der während des Aufstiegs des Modi-Nationalismus in Indien spielt. 

Wortwörtlich in der Tinte sitzend

18.05.2026 Die NZZ verneigt sich vor Safae el Khannoussi, die in ihrem Roman "Oroppa" von Amsterdamer Kifferkaschemmen bis ins Pariser Belleville führt. Die Welt kann in den gesammelten Tarzan-Comics von Hal Foster die wechselnden Dschungel-Outfits des Helden vom "asymmetrischen One-Shoulder-Top" zum "Leo-Schlüpfer" bewundern. Die FAZ lässt sich mit der Hörbuch-Version von Iryna Fingerovas Roman "Zugwind" von Schmerz und von Lebensliebe erzählen. Die SZ lernt in Petra Webers Biografie über Hildegard Hamm-Brücher eine Politikerin kennen, wie sie heute dringend gebraucht wird. 

Möglichkeit paralleler Welten

16.05.2026 Hochaktuell findet die taz Johann Reißers Roman „Pulver“, der ihr am Beispiel von Max von Duttenhofer die Geschichte der deutschen Rüstungsindustrie erzählt. Außerdem empfiehlt sie Bücher von Alice Hasters und Maria-Sibylla Lotter, die sich beide mit der Rolle des Opfers in unserer Gesellschaft befassen. Die Welt bleibt gern im Schnee stecken, solange Karl Ove Knausgard davon erzählt. Die FAZ blickt mit Kathrin Fischer kritisch und angeregt auf die Ideologie der Achtsamkeit. Und Dlf Kultur freut sich, dass mit Monique Wittigs „Opoponax“ ein französischer Klassiker der queeren Literatur noch einmal auf Deutsch vorliegt.

Literarisches Streetview

15.05.2026 FAZ und NZZ verneigen sich geradezu vor Lukas Bärfuss, der die Geschichte seiner komplizierten Mutter zur Gesellschaftsanalyse ausweitet. Die FAZ empfiehlt außerdem neue Ingeborg-Bachmann-Biografien von Andrea Stoll und Dieter Burdorf. Der Dlf lässt sich von John Horne Burns' Klassiker von 1947 durch die Galleria Umberto in Neapel führen. Außerdem erlebt er mit Robert Seethaler die Straße als Wimmelbild schillernder Charaktere. Produktiv verstört bleibt der Dlf Kultur zurück, wenn die schwedische Autorin Ellika Lagerlöf von Kindern erzählt, in deren Mündern Perlen gezüchtet werden. 

Situationship in der Ming-Dynastie

13.05.2026 Die FR empfiehlt Matthias Nawrats Roman "Das glückliche Schicksal" als wertvolle Vergegenwärtigung der polnischen Geschichte. Die Zeit blättert angeregt im Band "The Way Back" mit bisher unveröffentlichten Fotografien von Bruce Davidson. Dlf lernt in Garth Greenwells Roman über den Krankenhausaufenthalt eines Dichters die Literatur als Medizin für den Körper in Extremsituationen kennen. Und Dlf Kultur entledigt sich mit Amanda Lee Koes unsterblichen Schlangenschwestern unliebsamer Männer. 

Suchbewegung des Schreibens

12.05.2026 Die FAZ lauscht mit Lea Singer an der Tür, hinter der Lucian Freud die Queen porträtierte und hört geistreiche Pointen. Außerdem schwelgt sie in der kaleidoskopartigen Prosa, mit der sich Marlene Stoessel nach schwerer Krankheit zurück ins Leben tastet. Die NZZ vertieft sich in Karl-Markus Gauß' tiefgründige Reise-Essays. Die Welt blickt interessiert und kritisch auf Thomas Deichmanns Berichte von Peter Handkes Jugoslawienreisen. Die taz ist erschüttert von Adrian H. Koerfers autobiografischem Buch über den systematischen Missbrauch an der Odenwaldschule.

Verführerisches Kunststück

11.05.2026 Die SZ lernt von Martina Winkler wie die Slowakei um die Demokratie und ihren Platz in der EU ringt. Mit Martin Adam versucht sie die polnischen PiS-Wähler zu verstehen. Die FR freut sich über "hinreißende" Sexszenen und sich erfüllende Flüche im neuen Roman von Dana Grigorcea. Dlf Kultur verbringt eine solide und unterhaltsame Lektüre mit Thommie Bayers neuem Roman "Gern gesehene Gäste" über eine zwiespältige Freundschaft.  

In sich selbst die ganze Welt

09.05.2026 Die FAZ findet Susanne Schlegels Kulturgeschichte über die Erforschung von Intelligenz alles andere als doof. Die FR erfreut sich am "grandiosen" Naturschauspiel in den Erzählungen des ukrainischen Schriftstellers Hryhir Tjutjunnyk. Die NZZ vertieft sich in ein fantastisches Märchen über die Liebe zwischen einem Leguanweibchen und einem Dichter von Anna Maria Ortese. Die taz erlebt mit Armin Thurnher "Untersternstunden der Menschheit". 

Im eigenen Traum aufwachen

08.05.2026 Die FAZ legt mit Maylis de Kerangal Schicht um Schicht die Geschichte von Le Havre frei. Viel Spaß hat sie mit dem phlegmatischen Hans im Glück, den Jens Sparschuh als Restaurantkritiker durchs Nachwende-Berlin schickt. Die NZZ kommt Elena Ferrante in deren Essays so nahe wie nie zuvor. Der Dlf amüsiert sich mit in Fernando Aramburus „Fabula“ über zwei ungeschickte Anti-Helden, die für ein unabhängiges Baskenland kämpfen. Und Dlf Kultur lässt sich von dem Germanisten und Kulturhistoriker Albrecht Koschorke Anfänge und Widersprüche des Liberalismus erörtern. 

Hoffnungslos universell

07.05.2026 Die FAZ folgt Simeon Elias Hüttel gebannt durch die Kulturgeschichte des Vampirs, der sich im Westen zunächst gegen das Christentum durchsetzen musste. Bewegt folgt sie außerdem dem Lebensweg des im Irak geborenen jüdischen Theatermachers David Mouchtar Samorai. Die SZ begleitet mit Jan Jekal Brecht, Schönberg und andere deutsche Exilanten nach Hollywood. In der Zeit plädiert die Strafrechtlerin Elisa Hoven mit Ronen Steinke dafür, dass auch demokratiefeindliche Äußerungen von der Meinungsfreiheit geschützt sind. Und der Dlf Kultur freut sich, dass John Fowles’ „postmodern gebrochener“ Bildungsroman „Magus“ nun ungekürzt auf Deutsch vorliegt.

Ein Hauch Kritik

06.05.2026 Die FAZ freut sich über zwei Erzählungen von Alma Hirschel, die auch ein neues Licht auf das Werk ihrer Tochter Ruth Klüger werfen. Die FR streift mit Tobias Bütow, Corine Defrance und Ulrich Pfeil durch "63 Orte der deutsch-französischen Geschichte". Die SZ wundert sich, dass in Olivier Guez' Buch über Gertrude Bell nur aus der Perspektive der Kolonisatoren erzählt wird. Dlf Kultur schwärmt von Galit Dahan Carlibachs Roman "Waisenkind", in dem die Heldin Avital gegen eine unbarmherzige Gesellschaft ankämpfen muss. 

Begegnung mit der schnurrbärtigen Janina

05.05.2026 Die taz ist beeindruckt von Yavuz Ekincis Roman "Die, deren Träume zerbrochen sind", in dem der junge Kurde Ismail auf der Suche nach seinem Bruder sich selbst findet. Die NZZ sieht in Andris Kalnozols Roman "Kalender" über einen autistischen Jungen ein großes Außenseiterporträt. Die FAZ lernt von Dieter Henrich, was echte Dankbarkeit ist. Mit Adrian Daub widmet sie sich dem Machthunger der Tech-Giganten aus dem Silicon-Valley. Die SZ nimmt mit Gabriele von Arnim Abschied von politischen Gewissheiten. 

Ein schelmenhafter Merkur

04.05.2026 Die FAZ verspricht Hochspannung mit Helena Falks neuem Krimi, in dem einer Köchin nur fünf Tage bleiben, um den Mörder ihrer reichen Auftraggeber zu finden. Mit Susanne Kaiser geht sie Cybermobbern an den Kragen. Dlf und NZZ vollziehen mit Susanne Heim erschüttert nach, wie viele Länder ihre Grenzen für jüdische Menschen auf der Flucht vor den Nazis schlossen. Die SZ lobt Ryan Gingeras Globalgeschichte über die Mafia als "luzide Gesamtschau", hätte sich in manchen Punkten aber mehr Tiefe gewünscht. 

Die epische Dimension

02.05.2026 Der Deutschlandfunk bestaunt Juan Gómez Bárcenas gleichermaßen persönliches wie makrohistorisches "Opus Magnum" "Alles andere ist Luft", das zugleich ein Roman ist, aber auch die Geschichte eines Dorfes in Kantabrien - bis zurück vor Christus. Die taz lernt mit  Nikolaus Lelle und Tom Uhlig Antisemitismus zu definieren, wenn auch ex negativo. Die Welt liest mit Faszination Sebastian Haffner über  die deutsch-russischen Beziehungen. Die FAZ genießt, anders als übrigens die taz, Sharon Dodua Otoos "So, in etwa, ist es geschehen" als Provokation.
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Archiv: Bücherschauen

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